Am Grab von Antal Doráti, und die Kirche in Gerzensee
- hugo2825
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Foto © HMS
Ein Gotteshaus seit dem frühen 13. Jahrhundert
Wer südöstlich der Stadt Bern durch das Gürbetal wandert oder mit dem Fahrrad entlang des gleichnamigen Flüsschens fährt und dann im kleinen Ort Kaufdorf den steilen Aufstieg durch den wilden, naturbelassenen Wald nach Gerzensee nicht scheut, wird diese Anstrengung nicht bereuen. Dort angekommen, erblickt sie, oder er, fernab des lärmigen Strassenverkehrs, den in sich ruhenden Ort, gelegen zu Fusse des kleinen Sees gleichen Namens. Untypisch, anders als in den meisten Schweizer Dörfern in der Ortsmitte, steht die Kirche in Gerzensee am Hang eines Hügels.
Dieser Anblick, wie aus der romantischen Malerei, verlockt sofort zu einem Besuch. Wie der Internetseite der Kirchgemeinde Gerzensee zu entnehmen ist, wurde die erste Kirche an dieser Stelle in einem Kirchenverzeichnis aus dem Jahr 1228 erwähnt. Die jetzige stammt aus dem beginnenden siebzehnten Jahrhundert. An der Wand gegenüber dem Eingang ist auf einer Gedenktafel die Jahreszahl 1691 eingemeisselt.

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Man wird sich bei diesem Anblick bewusst, dass Shakespeare damals noch nicht lange tot und Johann Sebastian Bach in der Blüte seines Wirkens war. Und so schaut man mit stiller Ergriffenheit auf dieses historische Gotteshaus.
Im Jahre 1528 erfasste die Reformation auch das Dorf Gerzensee und die Kirche wurde protestantisch, gegen den Willen der Dorfbevölkerung, aber obrigkeitlich verordnet. Nach sporadischen Renovationen wurde 1887 auch eine hoch qualitative Goll-Orgel aus Luzern eingebaut.
Gerzensee, die Wahlheimat von Antal Doráti
Zerstreut um die Kirche ist der Friedhof des Dorfes Gerzensee. Die Gräber gehen bis ins 19. Jahrhundert zurück. Unschwer erkennt man an den Geschlechtsnamen, dass Zahlreiche aus dem Berner Adelsstand, die vornehm ausserhalb der Stadt domizilierten, hier ihre letzte Ruhe gefunden haben. Bei diesen Gedanken an vergangene Zeiten geht man besinnlich in sich versunken durch den Friedhof.
Und erlebt dann eine grosse Überraschung. Es ist ein Grab, angelegt im Jahre 1988, zusammen mit drei weiteren etwas abseits, auf das der Blick fällt. Wir stehen vor der letzten Ruhestätte eines der grossen Dirigenten und Musiker des letzten Jahrhunderts, von Antal Doráti (1906-1988).
Der gebürtige Ungar studierte in seinem Heimatland bei den ganz Grossen, bei Béla Bartók, Zoltán Kodály und Ernst von Dohnányi, mit dem er nahe verwandt war. Aufgrund seiner jüdische Wurzeln emigrierte Doráti während der Zeit der Barbaren in die USA, wo er als Chefdirigent weltbekannte Orchester leitete, beispielsweise das Symphony Orchestra in Dallas oder Minneapolis, in Grossbritannien in den Sechziger- und Siebzigerjahren das BBC Symphony Orchestra, das London Royal Philharmonic Orchestra, und wieder zurück in den USA das Washington und Detroit National Symphony Orchestra. Und dieses reiche künstlerische Wirken ist nicht abschliessend. Nicht überraschend wurde Doráti häufig in die Nähe des damals alles überragenden Dirigenten gerückt, von Herbert von Karajan. Anders als dieser trat Doráti auch als namhafter Komponist hervor - von Kammermusik, Orchester- und Chorwerken, sogar eine Oper schrieb er. Und seine Schallplattenaufnahmen zählen gemäss diesen Recherchen weit mehr als sechshundert. Wer heute von ihm dirigierte Werke sucht, wird leicht fündig. Doráti spielte, als viel beachteter Meilenstein, alle hundertundsieben Symphonien von Joseph Haydn ein, eine herkuleische Leistung!, und seine Interpretationen von Tschaikowskis, Stravinskis und Prokovjews Ballettmusik setzen gemäss der Kritik massgebende Maßstäbe, die schwer zu übertreffen seien. Auch als Interpret von Béla Bartók erlangte Antal Doráti höchste Anerkennung. Und zahlreiche Werke spielte er zudem sogar als erster ein.
In Bern hat Antal Doráti als Musiker nicht gewirkt. Weshalb er seine letzte Bleibe in Gerzensee gefunden hat, verrät er uns in seiner Autobiographie, auf die wir uns in dieser Betrachtung stützen. Er schloss seine zweite Ehe mit der österreichischen Pianistin Ilse von Alpenheim, die in den Sechzigerjahren am Konservatorium in Bern wirkte. Ihr gemeinsamer Wohnsitz befand sich in Gerzensee. Bei dieser Gelegenheit fügen wir an, dass die Ehefrau von Antal Doráti erst kürzlich, im April 2026, im hohen Alter von neunundneunzig Jahren in Bern gestorben ist.
Wir verzichten hier im Sinne der Pietät auf ein Foto des Grabes von Antal Doráti. Wer den Weg nach Gerzensee findet, möge dem grossen Meister und der schlicht schönen, geschichtlich interessanten Kirche die Ehre erweisen.
Weiterführend zur Kirche Gerzensee und zu Antal Doráti:
Die Internetseite der Kirchgemeinde Gerzensee:
Die Lebensbeschreibung von Antal Doráti:
Notes of Seven Decades (London 1979).
Notes of Seven Decades (Detroit 1981. Revised Edition).
Die hier gelesene Ausgabe ist die erweiterte. Beide sind heute nicht leicht
aufzufinden. Die Revised Edition kann in der Universitätsbibliothek
Bern ausgeliehen werden.
Antal Doráti, For Inner and Outer Peace (1987).
Das Buch ist posthum erschienen. Ein Exemplar konnte leider nicht gefunden werden. Gemäss Recherchen reflektiert Antal Doráti hier in seinen späteren Lebensjahren weltanschaulich philosophisch über Fragen der Humanität, über Kunst und über die Erhaltung des Friedens. Welch aktuelle Fragestellungen! Die Suche nach diesem vielversprechenden Buch geht weiter.
Aufnahmen mit Antal Doráti sind bei Presto Music und Eloquence Classics aufgeführt.
Antal Doráti war auch ein begeisterter Zeichner und Maler. Interessierte werden im weltweiten Netz auch dazu weitere Informationen finden.

Der Blick auf die Alpen mit Eiger, Mönch und Jungfrau von der Kirche Gerzensee aus © SCC
HMS 13. Mai 2026

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