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Archilochos: Beschreibung der Sonnenfinsternis über der Ägäis vom 6. April 648 vor Christus

vor 2 Tagen
4 Min. Lesezeit

Sonnenfinsternis vom 12. August 2026. Fotographiert am Strand von Viareggio, Italien.



Die Sonnenfinsternis am 12. August 2026


war ein Naturereignis, das in den betroffenen Erdteilen, Europa, Nordamerika und Nordafrika, hohe Beachtung fand und an vielen Orten zu einem einzigartigen Spektakel geriet. Millionen von Interessierten verfolgten, wie der Mond sich vor die Sonne bewegte und das Licht auf der Erde allmählich fast gänzlich zum Erlöschen brachte. Gemäß Tagesberichten war das Sonnenlicht in Europa, je nach Gegend, auf dem Höhepunkt der Sonnenfinsternis um 85 bis 93 % Prozent reduziert.


Wie aktuell die Beobachtungen der alten Griechen sind, zeigt die Beschreibung einer


Sonnenfinsternis über der Ägäis im siebten Jahrhundert vor Christus


des Dichters Archilochos. Seine Lebenszeit konnte von der Altertumswissenschaft auf die Jahre 680 bis 640 vor Christus eingegrenzt werden. Ein Datum der Sonnenfinsternis gibt Archilochos in seinem Bericht nicht. Die Astronomie beziehungsweise die Astrochronologie hat heute aber die Möglichkeit, Sonnenfinsternisse tausende von Jahre zurückzuverfolgen und sie zu datieren, ebenfalls sie vorauszusagen. Ihre Suche nach einer Sonnenfinsternis innerhalb den von der Geschichtswissenschaft eruierten Lebensdaten von Archilochos ergab das Datum des 6. April 648 vor Christus, vormittags um 09.54 Uhr. Dies fügt sich mit der Beschreibung von Archilochos, der Göttervater Zeus habe den Mittag zur Nacht gemacht. 


Archilochus beschreibt das Ereignis wie folgt, in der Übersetzung von Rainer Nickel:


Es gibt nichts Unerwartetes mehr, nichts, was man ableugnen könnte, / nichts Staunenswertes, seitdem Zeus, der Vater der Olympier, / aus Mittag machte Nacht, als er das strahlende Licht / der Sonne verbarg und feige Angst die Menschen überkam. / Seitdem wird alles glaubhaft und möglich / den Menschen. Keiner von euch darf sich noch darüber verwundern, / wenn er sieht, wie die Tiere auf dem Land mit den Delphinen ihre Weide tauschen / im Meer und ihnen die tosenden Wellen des Meeres / willkommener sind als das Land, diesen aber das waldreiche Gebirge.  


Während die Sonnenfinsternis in unseren Tagen mit Begeisterung und Freude mitverfolgt wird, so löste sie im antiken Griechenland Verunsicherung und Angst aus. Das aussergewöhnliche planetarische Ereignis wurde als verhängnisvolles Omen gedeutet, das Unheil prophezeite. Die Ordnung im Makrokosmos erschien den alten Griechen gestört, und diese Unordnung spiegelte sich im Mikrokosmos, auf der Erde. Die Natur drohte aus den Fugen zu geraten. 


Es ist eine Vorstellung, die auch in der Renaissance, der Wiedergeburt antiken Denkens, das Weltbild bestimmen wird. Als Beispiel: Nach der Ermordung des rechtmässigen Königs Malcolm in William Shakespeares Macbeth nimmt das nächtliche Geschrei der Eulen kein Ende, Pferde brechen wild aus den Ställen und fressen sich gegenseitig auf, und die ganze Erde zittert fieberhaft.


Isabel Grau (vgl. nachfolgend) erinnert auch an die Bibel: Beim Tode Jesu wird es plötzlich finster, die Erde bebt - der Schreck, den wir dann bei Shakespeare wieder finden - und der Vorhang im Tempel zerreisst. Dazu Mt. 27, 50-54; Lk 23, 44-47.


Naturerscheinungen werden als Vorboten des Übernatürlichen oder Widernatürlichen wahrgenommen. 


Ein Dank


Der Hinweis auf Archilochos’ Text erging verdankenswerterweise von den Altphilologinnen Catherine Eugster und Isabel Grau. Sie weisen auch darauf hin, dass das Werk von Archilochos von Paros, der bereits zu seiner Lebzeit ruhmreich gewesen sei, nur in Fragmenten überliefert ist. Er sei selbstbewusst aufgetreten, was sich darin zeige, dass er als erster uns bekannter Dichter in der ersten Person spreche. Als Söldner sei er in Thasos im Einsatz gewesen, wo es ihm nicht gefallen habe, ein für ihn unangenehmer Aufenthalt. Dazu schreibt er in einem Fragment, Thasos erhebe sich wie ein Eselsrücken aus dem Meer. An Konventionen habe sich Archilochos nicht gehalten. Seine Verse könnten als Folge von erlebten Enttäuschungen bitterbös sein, Schmähgedichte, die von Hass und Zorn erfüllt seien. Oft drückten sie aber auch Gefühle der Angst, des Staunens und der Liebe aus.


Diese hilfreichen Angaben wecken weiteres Interesse an der Person des Archilochos.


Wer war Archilochos?


Der Forschung (Bibliographie im Anhang) ist zu entnehmen, dass Archilochos der uneheliche Sohn einer Sklavin war und deswegen zeitlebens um Anerkennung kämpfen musste. Dass er sein heimatliches Paros verliess und sich in Thasos aufhielt, dabei stets in Feindschaft mit Mitmenschen geriet und dann rastlos weiter irrte. Dass Lycambes ihm seine Tochter Neoboule versprach, sie ihm dann aber vor der Heirat entzog. Worauf Archilochos solch giftige Verse gegen sie schleuderte, dass Lycambes, Neoboule und ihre Schwester sich alle drei aus Schande erhängten. 

Dann die Berufungslegende: Archilochos wollte in der Stadt eine Kuh verkaufen, dabei begegneten ihm Frauen, welche das Tier kaufen wollten. Sowohl die Frauen wie die Kuh waren plötzlich verschwunden; stattdessen erblickte Archilochos eine Leier, das Sinnbild der Dichtkunst, vor sich. Auch das Orakel in Delphi sagte seinen zukünftigen Dichterruhm voraus. 


Die jüngere Forschung mahnt hier allerdings zu Vorsicht. Laura Swift, in der wahrscheinlich aktuellsten Ausgabe, hält fest, dass diese biographischen Elemente dem Werk des Archilochos entnommen seien. Zwischen dem lyrischen Ich und der historischen Figur sei aber zu unterscheiden. Die Bestimmung der Musen zum Dichter, auch wenn sie in einem Gedicht des Archilochos so geschildert werde, sei ein verbreitetes Element in der Folklore, ein beliebter Topos.

Die Altphilologin Catherine Eugster hält dazu bestätigend fest, dass die Selbsteinschätzungen von Dichtern und Schriftstellern genauso wie die Beschreibungen aus den Schriftquellen es mit der Objektivität nie sehr genau nehmen und sich diverser Topoi zur Legendenbildung bedienen. 


Vom Wert der Altertumswissenschaft


Wie immer es sich um Fakt und Fiktion in der Biographie des Archilochos verhalten mag: Seine Beschreibung der Sonnenfinsternis im Jahre 648 vor Christus ist ein wertvolles literarisches und historisches Dokument. Es zeigt die Relevanz der Altphilologie für unsere heutige Zeit. 



Sonnenfinsternis vom 12. August 2026, aufgenommen am Strand von Viareggio, Italien.
Sonnenfinsternis, Viareggio 12. August 2026


Die Photos der Sonnenfinsternis vom 12. August 2026 wurden von Mia Donati und Andrea Giorgetti, Lucca, am Strand von Viareggio, Toscana, aufgenommen. Auf dem Titelbild ist zu sehen, wie ihr Sohn den gefährlichen direkten Blickkontakt zur Sonnenfinsternis wohlweislich vermeidet. Den drei Personen gebührt Dank, dass sie diese historischen Aufnahmen zur Verfügung stellen.



Literatur zu Archilochos:


Archilochos. Griechisch und deutsch, herausgegeben von Max Treu (München 1959).


Archilochos. Gedichte. Herausgegeben und übersetzt von Rainer Nickel (Düsseldorf und Zürich 2003).


Archilochus: The Poems. Introduction, Text, Translation, and Commentary by Laura Swift (Oxford University Press 2019).


Archilochos: Gedichte. Griechisch – Deutsch. Übersetzt von Kurt Steinmann (Stuttgart 2021).


ARD INFONACHT. 6. April 648 v. Chr. - Die Sonnenfinsternis des Archilochos (https://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/zeitzeichen/zeitzeichen-sonnenfinsternis-archilochos-100.html)







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