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„Die Welt meiner Geschichten“


Elf reiche Antworten -

die deutsche Erfolgsautorin Constanze Wilken


Constanze Wilken in Jeansjacke sitzt lächelnd am Tisch, stützt Kopf in die Hand. Vor ihr liegen bunte Bücher. Helle, ruhige Umgebung.

Foto: copyright Constanze Wilken


Die deutsche Gegenwartsliteratur bietet eine Vielfalt von Romanen, Erzählungen, Geschichten. Nicht so zahlreich sind Schriftstellerinnen und Schriftsteller, deren Erzählkunst dazu auch ein Fundus von kulturellen, sozialen, geschichtlichen und psychologischen Bezügen ist. Sie sprechen eine Leserschaft an, die eine Belletristik schätzt, die zusätzlich zum unterhaltsamen Aspekt auch weitere interessante Inhalte, beispielsweise sozialer, historischer oder psychologischer Art, vermittelt.


Ein Farbtupfer in dieser literarischen Landschaft ist die Autorin Constanze Wilken. Wenn sie ihre Leserschaft auf ihrer Seite im weltweiten Netz mit den Worten „Willkommen in der Welt meiner Geschichten“ begrüßt, so könnte dieser Willkommensgruss nicht treffender sein: Ihr Spektrum ist weit. Es umfasst Romane, historische Romane, sogar ein kürzliches literaturwissenschaftliches Vorwort, selbst eine Künstlermonographie. Und darüber hinaus schreibt Constanze Wilken noch unter einem Pseudonym, einem alter ego, gleichsam ein Zweitwerk, ein Parallelwerk. Doch Geduld, davon später. Die Autorin wird uns auch dazu etwas Aufschlussreiches sagen.

Und ihr Werk ist auch auf der Ebene der Sprache und des Stils ein grosses Vergnügen. Constanze Wilkens hohe Kompetenzen erstaunen nicht, als sie auch als Wissenschaftlerin brillierte. Sie absolvierte nämlich ihr Universitätsstudium in den Disziplinen Kunstgeschichte, Literaturwissenschaft und Politologie an der Universität Kiel. Danach promovierte sie in Literaturwissenschaft an der University of Wales in Aberystwyth.


Die Autorin war bereit, etwas zu ihrem reichen Schaffen zu sagen.


Frau Dr. Wilken, Sie sind promovierte Kunsthistorikerin und Literaturwissenschaftlerin, was viele Ihrer Leserinnen und Leser vielleicht nicht wissen, sie aufgrund Ihrer schriftstellerischen Kunst aber nicht überraschen wird. Gibt es spezielle Autorinnen und Autoren, denen Sie während Ihres Studiums bis zur Promotion Ihr besonderes Interesse geschenkt haben? 


Haben sie vielen herzlichen Dank für die Einladung zum Interview! Bücher waren immer ein wichtiger Teil meines Lebens. Früh habe ich mich für die angelsächsische Literatur begeistert: Wilkie Collins, Mary Shelley, Virginia Woolf, Dylan Thomas, Thomas Hardy, E.M. Forster und viele mehr. Thomas Manns Zauberberg ist mein all-time-favourite. Habe gerade die neue Biographie von Tilmann Lahme verschlungen. Hilary Mantels Tudor Trilogie und Diane Atkinsons „Rise Up, Women, The Remarkable Lives of the Suffragettes” haben mich nachhaltig beeindruckt. Benvenuto Cellinis Autobiographie, Anne Delbées Roman über Camille Claudel und Donna Tartts Distelfink haben lange in mir nachgeklungen. Um nur einige Bücher zu nennen ...


Wie sind Sie von der Kunsthistorikerin zur Romancière hinübergerückt? Was war Ausschlag gebend? 


Ein einschneidendes Ereignis in meinem Leben war mein Umzug nach Wales, nachdem ich dort an der School of Art angenommen worden war. Die Arbeit an der University of Wales in Aberystwyth war bereichernd und das Leben in Großbritannien auf vielfältige Weise inspirierend. Meine Dissertation auf Englisch zu schreiben war eine Herausforderung und ich habe unendlich viel gelernt, vor allem stilistisch. Nachdem ich einige Jahre in Wales gelebt habe, war ich in London und habe im Bereich der Provenienzforschung für Antiquitäten gearbeitet. In dieser Zeit entstand die Idee zu meinem ersten Roman, der natürlich in Wales spielt. 


Sie schreiben unter Ihrem eigenen Namen und auch unter dem Pseudonym Amelia Martin. Für eine erfolgreiche Schriftstellerin wie Sie ist dies aussergewöhnlich. Verbinden Sie mit dieser Aufteilung spezielle, separate Thematiken, Interessen, Stoffe? 


Meine LeserInnen wissen, dass Amelia Martin für den Ullsteinverlag Historisches schreibt, u.a. die Auktionshaus-Dilogie, die Geschichte der Halloren Schokoladenfabrik und die Romanbiographie über Georgia O’Keeffe oder jetzt meine Neuerscheinung „Töchter des Himalaya“. Unter meinem Klarnamen schreibe ich u.a. Familiengeheimnisromane und historische Romane, die in der Renaissance spielen.


Sie haben bis heute ein umfangreiches literarisches Werk geschaffen. Überschaut man es, so ergeben sich bezüglich des Orts der Handlung zwei Schwerpunkte: die Toskana, etwa „Die Schwestern der Villa Fiore“, und England, Wales, die Orkneys, wie beispielsweise der kürzliche Roman „Fisherman’s Cove“. Wie erklären sich diese Schwerpunkte?


Auch nach meiner Rückkehr aus Wales bin ich diesem Land tief verbunden geblieben. Bei meinem letzten Besuch bin ich den Dylan Thomas Trail abgewandert. „Do not go gentle into that good night ...“ – ein Zitat aus Under Milkwood von Dylan Thomas, gelesen von Martin Sheen, ein Gänsehauthörerlebnis.

Und Schottland mit seiner atemberaubenden Landschaft, der reichen Geschichte und den wundervollen Menschen, die mir dort auf meinen Reisen begegnen, lässt mein Herz einfach höher schlagen. „Fisherman’s Cove“ spielt auf den Orkney Inseln und die Geschichte ist inspiriert von wahren Ereignissen. Zum einen von der Person des Dirigenten Sir Peter Maxwell Davies und seiner Freundschaft zum eigenwilligen Inselpoeten George Mackay Brown und von der Galeristin Margaret Gardiner, die das Pier Arts Centre in Stromness gegründet hat. Die Kreativität dieser außergewöhnlichen Menschen hat in den 1970er Jahren auf der abgelegenen Insel das St. Magnus International Festival entstehen lassen.

Als Kunsthistorikerin habe ich ein Faible für die Renaissance und überhaupt für Bella Italia! In dem Künstlerort Casole d’Elsa habe ich einige Monate gelebt und die Toskana erkundet – und für zwei historische Romane recherchiert. Dabei bin ich in Volterra auf Rosso Fiorentinos „Kreuzabnahme“, 1521, gestoßen. Dieses bewegende Gemälde hat mich so beeindruckt, dass ich „Die Malerin von Fontainebleau“ schreiben musste. 


In Ihren Romanen verarbeiten Sie auch historische Stoffe, ausgeprägt beispielsweise in „Die Tochter des Tuchhändlers“ oder in “Die Lautenspielerin“. Diese historischen Romane sind auf hoher Ebene unterhaltsam, und insbesondere sind sie auch bildend. Wie gehen Sie vor, wenn Sie einen historischen Roman dieser komplexen Art konzipieren, erarbeiten, schreiben? 


Herzlichen Dank! Ohne eine fundierte Recherche geht es nicht. Dafür lasse ich mir viel Zeit, bereise die Schauplätze, spreche u.a. mit Historikern und besuche Archive, Schlösser, Kirchen, Museen und Gartenanlagen. Manchmal sind es auch zufällige Begegnungen, die zu zusätzlichen Informationen führen. 

Für „Die Lautenspielerin“ habe ich z.B. die Werkstatt der traditionsreichen Instrumentenbauerfamilie Dietrich im Vogtland besucht. Und in Lucca bin ich mit einer lokalen Historikerin ins Archiv der Stadt gegangen, um die Familienstammbäume der Tuchhändlerfamilien zu studieren, die in altem Italienisch verfasst sind. Historisch interessant, wunderschön und auch in meinem Roman auftauchend: der Palazzo Mansi und der Palazzo Cenami, heute mit Mondadori-Bookstore. 

Dazu lese ich jede Menge Sekundärliteratur, muss mich im Prozess des Plottens auch von manchen interessanten Begebenheiten trennen und entscheiden, was wichtig für die Handlung ist. Die Recherche ist die Grundlage, basierend auf der Romanidee und ein oder zwei Protagonisten. Meine Figuren tragen die Handlung und werden im Vorfeld entsprechend ausgearbeitet. Nebenfiguren dürfen sich auch im Verlaufe des Schreibprozesses dazugesellen und oft genug entwickeln meine Figuren auch ein Eigenleben. Dann wird ausdiskutiert, wie weit ich ihren Wünschen nachgeben kann.


Erfreulich ist, dass der historische Roman mit erhöhtem Anspruch, wie Sie ihn pflegen, sich seit einiger Zeit stets grösserer Beliebtheit erfreut, zunehmend noch mehr Aufmerksamkeit erhält. Dies nährt die Hoffnung, dass Ihre Leserschaft auch von Ihnen weitere Werke dieses Genres wird lesen können? Können Sie allenfalls andeuten, in welche Richtung Ihre historisch-literarische Reise gehen wird?


Ich freue mich tatsächlich sehr, dass ich bald wieder tief in die Historie eintauchen darf. Das Projekt stelle ich vor, sobald es offiziell ist. 


Ihre Vielseitigkeit und Ihre hohe literaturwissenschaftliche Kompetenz zeigt sich darin, dass Sie kürzlich ein kompetent kundiges Vorwort für die Neuausgabe von Jane Austens „Northanger Abbey“ bei Reclam geschrieben haben. Welches Verhältnis haben Sie zu dieser Autorin? 


Jane Austens zauberhafte, intelligente und humorvolle Werke habe ich sehr gern gelesen. Als ich in Wales lebte, hatte gerade die Verfilmung von „Pride and Prejudice“ mit Jennifer Ehle und Colin Firth Premiere. Damals spürte man den Beginn des Revivals von Austens Romanen. Als der Reclamverlag mich fragte, ob ich ein Vorwort zu „Northanger Abbey“ schreiben möchte, habe ich sofort zugesagt! Was für eine Ehre und Austens satirische Auseinandersetzung mit der Gothik Novel in „Northanger Abbey“ spannend und ein Vergnügen! 

Jane Austen musste hart für die Veröffentlichung ihrer Romane kämpfen, sich hinter einem Pseudonym verstecken, um ja den Ruf der Familie nicht zu ruinieren. Und dabei ist sie es, die heute von Fans auf der ganzen Welt verehrt wird. Ohne sie würde man sich kaum an ihre Familie erinnern. Keine sezierte die Gesellschaft so trefflich wie Jane Austen, die auf ihrem Sofa saß, zuhörte und beobachtete. 


Im kürzlichen biografischen Roman „Die Farben der Wüste“ verarbeiten Sie das Leben von Georgia O’Keeffe. Wenn man das Buch liest, so spürt man gleichsam in jedem Satz Ihre grosse Faszination für diese Künstlerin und Frauenrechtlerin. Wie sind Sie beim Schreiben dieses umfangmässig grossen und inhaltlich grossartigen Romans vorgegangen? 


Auf einer meiner USA Reisen bin ich vor Jahren erstmalig den Werken von Georgia O’Keeffe begegnet und habe geweint. So sehr haben mich ihre Bilder berührt. Es ist eine Zartheit, eine Perfektion im Farbauftrag und den Farbnuancen selbst, die einmalig ist. Als ich mich näher mit der Künstlerin beschäftigt habe, wurde mir bewusst, warum das so ist. Ich habe mich eingehend mit ihrer Technik und mit ihrem Leben befasst. Als Grundlage dienten mir dabei in erster Linie ihre Briefe. Glücklicherweise ist ihre umfassende Korrespondenz, vor allem mit Alfred Stieglitz, erhalten geblieben. Und dann habe ich mich auf den Weg gemacht und ihre Häuser in New Mexico besucht, die heute als Museen erhalten und unbedingt sehenswert sind. Hier konnte ich einen Blick in ihr Studio werfen und auch ihre Küche und ihren Kräutergarten sehen. Eine faszinierende, vielschichtige Frau, die ihrer Zeit weit voraus war.

Ich wollte mich möglichst eng an ihrem Leben orientieren, dabei unterhaltsam für die LeserInnen bleiben und möglichst Georgias herben, oft humorvollen und sehr direkten Ton treffen. Dafür habe ich mich eng an die Briefe gehalten und einige auch in den Roman integriert. Da ich selbst gern male, habe ich mir tatsächlich meine Staffelei neben den Schreibtisch gestellt und einige Leinwände in ihrer Manier bemalt. Einfach, um das Gefühl für ihren Pinselduktus zu bekommen und außerdem mag ich den Geruch von Ölfarben. 

Mein Handapparat umfasst jetzt über dreißig Bücher zu Werk und Leben der Künstlerin und natürlich habe ich auch einen Farbdruck von der „Black Mesa“ aufgehängt. Es war mir ein Vergnügen, in das Leben dieser faszinierenden Künstlerin einzutauchen.


Frauen sind in Ihren Romanen häufig die Protagonistinnen. Wie nähern Sie sich ihnen literarisch? Halten Sie eine Distanz zu den Figuren, oder versetzen Sie sich hinein in die Frauengestalten wie beim "Method Acting"?


Starke Frauen können viel bewegen, sich aus leidvollen Situationen befreien und sich durch äußere und oder innere Einwirkung verändern. Das ist spannend und immer wieder neu. Wie ich vorgehe hängt vom Setting und der Epoche ab, in der die Romanhandlung angesiedelt ist. Bei historischen Figuren ist es mir besonders wichtig, das gesellschaftliche Korsett zu verstehen, in dem die Frau sich bewegen musste. Was durfte sie? Wer hatte Macht über sie? Wie groß war ihr Spielraum und wie kann ich sie ausbrechen lassen, ohne dass es unrealistisch wirkt?

Method Acting – vielleicht ein klein wenig – siehe oben – Georgia O’Keeffe 😉 


Neben Ihrer reichen Internetseite können wir Ihre vielfältigen literarischen Aktivitäten auch auf Instagram mitverfolgen - Leseanlässe, Diskussionen oder literarisch-musikalische Veranstaltungen mit Ihrem Bruder Alexander Wilken, einem hochbegabten Musiker, auch bekannt unter dem Künstlernamen Prince Alec. Hinter diesen interessanten Beiträgen steckt hohes Engagement. Es besteht die Hoffnung, dass Sie diese faszinierenden Aktivitäten auch in Zukunft weiterführen werden. Was meinen Sie


Lesungen gebe ich sehr gern und die Termine finden sich auf meiner Webseite. Zurzeit lade ich Gäste zum Live Interview auf meinem Instagram Kanal ein. Ich spreche dann mit Künstlerinnen und AutorenkollegInnen über ihre Arbeit, das Schreiben und andere spannende Themen. 


Immer wieder haben Ihre Leserinnen und Leser in Deutschland das Glück, Sie an Leseanlässen oder Diskussionen persönlich erleben zu können. Zum Schluss eine Frage, die für Ihre grosse Lesegemeinschaft in der Schweiz von besonderem Interesse ist: Haben Sie Pläne, in der Schweiz zu lesen?


Pläne gibt es noch nicht, aber das kann sich ja ändern. Ich würde mich sehr freuen in der schönen Schweiz zu lesen. 


Haben sie vielen Dank für die interessanten Fragen, es war mir eine Freude!


Vielen Dank Ihnen. Ihr grosser Kreis von Leserinnen und Lesern in der Schweiz freut sich auf weitere Werke von Ihnen. Und wir wünschen Ihnen alles Gute und weiterhin allen literarischen Erfolg! 



Die Internetseite der Autorin:

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