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E. W. HEINE Sein fiktionales Werk und seine kulturgeschichtlichen Studien


Blick durch ein vergittertes Fenster auf einen grünen Garten; ein schwarzer Stab lehnt schräg davor.

Foto HMS


Vor wenigen Jahrzehnten war Ernst Wilhelm Heine (1935-2023), E. W. Heine, wie er allgemein genannt wird, noch ein vertrauterer Name und ein häufiger gelesener Autor. Wie in seinen Büchern aus den biografischen Angaben zur Person hervorgeht, ist Heine eine Ausnahmeerscheinung. Er kommt ursprünglich nicht aus dem literarischen Bereich; er war studierter Architekt und Diplom-Ingenieur und bekleidete nach seinem Studium eine Assistenzstelle an der Universität. Anschließend arbeitete er als Ingenieur in Südafrika von den späten Sechzigerjahren bis in die späten Siebzigerjahre erfolgreich in hohen staatlichen Positionen. In den mittleren Siebzigern beschritt er zunehmend den Weg zum Schriftsteller.


Sein ansehnliches Werk lässt sich im Rückblick in zwei Kategorien einteilen. Einerseits ist es die geistreiche Unterhaltung seiner


Kille Kille Geschichten und Romane.


Die Kille Killes erschienen in mehreren Folgebänden von 1983 bis etwa 2004. Es sind kurze Erzählungen, die meist aus dem Alltag schöpfen und die makabre und absurde Seite desselben zum Thema machen. Dem fantasiereichen und packenden Erzählstrang dieser Kurzgeschichten lässt sich gut folgen. Aber anders als in trivialen Erzählungen und Romanen, deren Entwicklung und Ausgang wir voraussehen und wo wir in unseren Erwartungen auch kaum je enttäuscht werden, geschieht hier das Gegenteil. Heine reisst uns mit, aber lässt uns am Schluss fallen: Wir waren zu naiv, o weh!, es kam ganz anders.


Kille Kille Geschichten zeichnen sich durch eine karge, konzise Handlungsführung aus, wo nichts überflüssig ist, und die zielgerichtet auf den Endeffekt hinsteuert, ähnlich der klassischen deutschen Novellenstruktur. Die Kille Killes enden mit einer unerwarteten Pointe, die uns gleichsam im Regen stehen lässt. Wir staunen oder lachen dann über uns selbst. Dass uns diese Wendung nicht in den Sinn gekommen ist! Wäre doch vorauszusehen gewesen!? War es aber nicht. Zahlreich sind Heines Kurzgeschichten, die gute Nerven brauchen, für Hartgesottene ein wahres Vergnügen. Der Untertitel des ersten Bandes der Kille Kille Serie lautet denn auch „Makabre Geschichten“.


Als Beispiel


„Der Bienenstich“ (in Hackepeter. Neue Kille Kille Geschichten, 1984),


der vom nächtlichen Mord an einem Gefangenen handelt, der seine lebenslängliche Strafe mit einem anderen Verurteilten in einer Zweierzelle verbüssen muss. Keine andere Möglichkeit ist denkbar, als dass er von seinem Mitinsassen in der Nacht umgebracht wurde. Doch die Untersuchungen ergeben keinerlei solche Hinweise, der Verdacht bestätigt sich nicht, und der Mitinsasse wird freigesprochen. Die Tötung wird damit für die Mordkommission zum ungeklärten Fall. Dass aber der andere Häftling den Mord an seinem Zellenkollegen tatsächlich begangen hat, ohne dabei Spuren zu hinterlassen, verrät er uns am Ende der Geschichte. Es ist ein perfekt durchdachtes und verübtes Verbrechen, dem selbst die untersuchenden Instanzen nicht auf die Schliche kommen, nicht gewachsen sind.


Heines Phantasie kennt keine Grenzen. Seine Geschichten enden mit grossen Überraschungen, die aber nachvollziehbar und glaubwürdig sind.


Oder


„Der Posträuber“ (in Kuck Kuck, Neue Kille Kille Geschichten, 1986):


Im Bummelzug von Rom nach Florenz wird der Erzähler von einem italienischen Mitreisenden gleichsam totgeschwatzt. Er prahlt von seinen hinterhältigen, betrügerischen Tricksereien, mit denen er hohe Geldsummen ergaunert. Als er aussteigt, lässt er den Erzähler beeindruckt zurück. Minuten später greift dieser nach seinem Geldbeutel um sich einen Kaffe zu genehmigen. Aber vergebens. Das Chiacchierare des Italieners stellt sich jetzt als geschicktes Ablenkungsmanöver heraus. Der Erzähler muss feststellen, dass er soeben selbst Opfer von dessen betrügerischen Methoden geworden ist.


Das Unerwartete, Skurrile, Makabre, die Schrecken des Alltags und die überraschenden Pointen in Heines Kille Kille Erzählungen sind gelegentlich in die Nähe von Edgar Alan Poe, Mark Twain oder Roald Dahl gerückt worden. Die Rückseite des Umschlages von Das Glasauge. Neue Kille Kille Geschichten (1991) zitiert dazu den Autor: „Das schlimmste, das mir mit meinen Geschichten passieren könnte, ist die Vorstellung, daß ich jemanden langweilen würde.“ Diese Vorstellung, diese Befürchtung ist unbegründet. 


Heines Kille Killes sind nie trocken, papieren, nicht reissbretthaft konstruiert und schaffen vom ersten Moment an eine febrile Spannung. Sie sind prall von Leben, packend, aus dem Alltag genommen. Dies trifft auch auf seine Romane zu, Der Flug des Feuervogels, Das Halsband der Taube oder Die Raben von Carcassonne.


Die Biografie des Autors ist reich, und seine Lebenserfahrung und seine Weitsicht sind in sein literarisches Werk eingeflossen. Im ausgeprägten Ausmass lehrreich sind seine



Sachbücher, das nicht-erzählerische Werk.


Wer ermordete Mozart? Wer enthauptete Haydn? (1984)

und

Wie starb Wagner? Was geschah mit Glenn Miller? (1985)


bezeichnet Heine im Untertitel als Mordgeschichten für Musikfreunde. Faktenbasiert analysiert er den mysteriösen Tod bekannter Musiker und Komponisten und damit verbundene ungeklärte Begleitumstände. Unter ihnen finden wir Mozart, Haydn, Paganini, Wagner, Rossini, und Heine zieht, im Wissen um alle bekannten Gegebenheiten, auch unerwartete, neue Schlüsse; er bietet nachvollziehbare alternative Erklärungen an für ungeklärte Mordfälle. 


Bekannt ist, beispielsweise, dass Joseph Haydns sterbliche Überreste zehn Jahre nach seinem Tod (31. Mai 1809) auf Geheiss von Fürst Esterházy im Wiener Hundsturmer Friedhof exhumiert und dann in der Kirche von Eisenstadt beigesetzt wurden. (Für Werk und Biografien von Musikern: The Grove Dictionary of Music and Musicians.) Die Exhumierung förderte aber nur das Skelett des Körpers zu Tage. Der Kopf war abgetrennt worden und fehlte. Heine zeigt, auf welchem langen, abenteuerlichen Irrweg der Schädel schliesslich doch noch den Weg in Haydns Grab zurückfand.  


Ungeklärt ist auch der Tod von Glenn Miller. Er soll bei einem Flugzeugunglück über dem Ärmelkanal im Dezember 1944 ums Leben gekommen sein. Das Flugzeug ist aber seltsamerweise unauffindbar geblieben, was bis heute zu waghalsigsten Vermutungen Anlass gegeben hat. Weiterführende Literatur zu allerhand Spekulationen dazu finden Interessierte im Eintrag von Wikipedia.

Heine kommt aber zu einem anderen Schluss: Angesichts dessen, dass das Kleinflugzeug ohne Genehmigung abhob, dazu noch bei miserabelster Witterung, der sich vernünftige Piloten zu widersetzen pflegen, dass die Alliierten insbesondere den Luftraum über dem Ärmelkanal genauestens unter Kontrolle hatten, und auch angesichts der bekannten panischen Flugangst von Glenn Miller, ist, so Heine, nicht davon auszugehen, dass das Flugzeug überhaupt startete. Vielmehr sei der Flug ein Alibi gewesen; er habe gar nie stattgefunden. Glenn Miller sei auf andere Art von dieser Welt gegangen. Um interessierten Leserinnen und Lesern die Spannung nicht abzuwürgen, sei die Frage Wie?, Heines Auflösung des Rätsels, hier nicht verraten. 


Von Mysteriösem, Kuriosem, Unerklärlichem handelt auch Heines Sammlung 


Luthers Floh. Geschichten aus der Weltgeschichte (1987). 


Stoff zu diesen Geschichten, alle biographisch abgestützt und nicht fiktional, boten, unter anderen, Napoleon, Hemingway, Königin Victoria, Leonard da Vinci und Julius Caesar.


In der Titelgeschichte Luthers Floh schrieb ein unbekannter Mönch im sechzehnten Jahrhundert ein Manuskript von Martin Luther ab. Auf einem Blatt, von Luther mit dem Datum des 5. April 1525 versehen, entdeckte er einen toten Floh, dem sich Luther offenbar zur Wehr setzte und ihm den Garaus machte. Somit war davon auszugehen, dass das Insekt einen kleinen Tropfen Blut des Reformators aufgesaugt hatte. Bezeugt ist auch, dass der als gefrässig sattsam bekannte Luther am besagten Tag bei sich zu Hause zu einem üppigen Gelage eingeladen hatte. Im Lutherjahr 1983 wurde dieser Blutstropfen, so Heine, mit der Sondergenehmigung der damaligen DDR untersucht. Luthers Blutgruppe war 0 Rhesus positiv, und es ergaben sich Hinweise auf seine ungesunden Essgewohnheiten, die dann auch halfen, sein Übergewicht und seinen allgemeinen physischen und psychischen Gesundheitszustand mitzuerklären. 


Mit einer provokativen soziologisch ausgerichteten Studie überraschte E. W. Heine im Jahre 1986:


Der neue Nomade. Ketzerische Prognosen.


Heine beobachtet, dass das menschliche Verhalten in unserer technisierten Hochkultur in vielen Bereichen an Stammesinstinkte der Steinzeit erinnert. Der Stadtmensch benehme sich beispielsweise im Supermarkt wie der primitive Jäger und Sammler der Urzeit. Auch künstlerisch-kulturell sei er auf dessen Stufe zurückgefallen. Bilder und Piktogramme verdrängten zunehmend die schriftliche Mitteilung, was Heine als beobachtbare gesellschaftliche Analphabetisierung wertet. Bei den Nomaden der Sahara erlange ein Jüngling beim Erreichen der Mannbarkeit das Recht, ein Pferd zu führen. Damit sei er zum vollwertigen Mann geworden. Heute sei das Zeichen der Mannbarkeit das Automobil. Erst durch dessen Besitz werde der moderne Mensch volljährig. Unübersehbar bewege sich unsere Zeit zurück in Richtung Neanderthal. Und Heine fügt an einer Stelle hinzu, was vierzig Jahre nach Erscheinen des Buches aktueller denn je klingt: „Was wir noch von den Primitiven lernen müssen: Unsere Erde ist nicht das Eigentum einer einzigen Generation.“ (S. 103)


Heines Beobachtungen und Reflexionen sind verblüffend; sie laden zum Mitdenken ein und fordern zur Verhaltensänderung auf.


Aus seinem ursprünglichen Bereich als Ingenieur und Architekt schöpft E. W. Heine in 


New York liegt im Neandertal. Die abenteuerliche Geschichte des Menschen von der Höhle bis zum Hochhaus (Erstausgabe 1984)


Der Autor führt uns anhand der Bauweise durch die Geschichte der Menschheit. Jede Kultur habe ihr eigenes Verhältnis zur Gestaltung ihres Raums und zu ihren Bauten (S. 96). Die Bauweise ist somit aufschlussreich für das Verständnis der jeweiligen Kultur und Zeitepoche. Bezüglich der Pyramiden erklärt Heine beispielsweise, warum das menschliche Bewusstsein bei einem längeren Aufenthalt im dortigen Innern oft von Halluzinationen heimgesucht werde. Demgegenüber sei der Innenraum, der „Höhlenkomplex“, in keiner Kultur so schwach ausgebildet wie in Pagoden. Alles vollziehe sich draussen, ausserhalb, es gebe kaum Innenräume. Die Formensprache der Pagode, der chinesischen Bauweise allgemein, sei unserem Raumerleben diametral entgegengesetzt. Überraschen mag Heines Sicht der antik römischen Bauweise: Die Römer seien die Erfinder des Kitsches gewesen. Die vorherrschende Farbe ihrer Innenräume sei Ockerrot und ihre Triumphbogen seien „papageienbunt“ gewesen. Das Forum Romanum, das wir heute in klassischem Marmorweiss bestaunten, sei „zu Glanzzeiten des kaiserlichen Rom eine bunte Mischung aus süditalienischem Friedhofskitsch und farbiger Rumpelbuden-Romantik“ (S. 119-120) gewesen.  


Und auch in dieser Studie begegnen wir immer wieder ausnahmehaft wertvollen Erkenntnissen, beispielsweise, dass die grössten kulturellen Leistungen auffallenderweise von kleinen Völkern und in kurzer Zeit vollbracht worden seien (z. B.: die antiken Griechen, die kurze Hochblüte zur Zeit des Perikles, S. 172). Oder dass der Spezialist bei den Griechen als Banause und in Oberitalien als Prolet gegolten habe. Ansehen genoss die Vielseitigkeit, insbesondere bei den Renaissancemenschen (S. 199). Heines vertiefte Einsichten erinnern gelegentlich an Egon Friedell, von dem, als einem offensichtlich Geistesverwandten, er den Neuen Nomaden ein Passage voranstellt.  


Wer auch über Synagogen, Moscheen, Kathedralen, das Grandhotel, bis hin zur Bauweise der faschistischen Barbaren zur Zeit des Dritten Reiches mehr erfahren will, liest hier mit Gewinn weiter. 


Wie in den Neuen Nomaden sind Heines Überlegungen in diesem Sachbuch oft provokativ, auch wenn sie ins Schwarze treffen.  


Am Rande sei vermerkt, dass der Autor auch über graphische Talente verfügte. Einzelne Umschläge seiner Bucher und Vignetten stammen von ihm, die Mehrzahl von seinem Bruder Helme Heine (1941-2025), der als Illustrator und Kinderbuchautor bekannt geworden ist. 


E. W. Heines Werk ist, wie die ausgewählten Titel zeigen, so unterhaltsam wie lehrreich. Mit einigen Titeln pflegte er, als weiteres Genre, auch den historischen Roman. Bedauerlich ist, dass derzeit nur noch wenige seiner Bücher lieferbar sind. In Antwort auf die Anfrage beim Verlag Diogenes, der den grossen Teil des Werks von E. W. Heine in verdienter Weise herausgegeben hat, sind alle Titel vergriffen. Selbst in Antiquariaten oder Brockenhäusern findet man sie nur selten. Wer sie hat, gibt sie offenbar nicht gerne weiter. Und wer ein Exemplar, eine solche Trouvaille, sieht, sollte deshalb nicht zögern.  

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