Gestatten: Wandergesellen!
- hugo2825
- 13. März
- 13 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 16. März
Wenzel Abert und sein Musikantenblut

Das Wandergesellentum, ein industriekulturelles Phänomen
Die Tradition der Handwerksgesellen auf der Reise ist alt; sie reicht bis ins Mittelalter des zwölften Jahrhunderts zurück. Heute sind junge Handwerker, die sich auf die Walz begeben haben, nicht mehr häufig anzutreffen. Man erkennt sie aber sofort wieder an ihrer Kluft, ihren wuchtigen Schlaghosen, ihrem breiträndrigen Hut, der Melone, auch Koks genannt, ihrem Stock, auch Stenz geheissen, oder an ihren grossen Umhängetaschen, dem Charlottenburger oder dem Berliner. Ihre Kluft ist meist schwarz. Dass unser wandernder Geselle mit dem Zylinder in der Illustration eine blaue trägt, lässt sich - dazu nachfolgend - leicht erklären. Und bereits diese wenigen Merkmale deuten darauf hin, dass die Wanderburschen auch eine eigene Sprache sprachen und sprechen.
Musikantenblut als authentische Informationsquelle
Sucht man nach Berichten, in denen Wandergesellen ihre Erlebnisse und Erfahrungen niedergeschrieben haben, so finden sich enttäuschend wenig Ergiebige. Eine Lücke füllt hier Wenzel Abert mit seinem Musikantenblut, den Erinnerungen an seine Zeit als Wanderbursche. Das Buch ist reichhaltig; es thematisiert die verschiedenen Aspekte vor und auf der Reise - in der Sprache der Handwerker: auf der Tippelei - und regt als Sprungbrett immer wieder dazu an, tiefer in diese interessante und uns stets fremder werdende Lebensweise einzutauchen. Abert führt uns rund hundertachtzig Jahre zurück und bringt damit eine politisch, ideologisch, sozial, religiös und allgemein weltanschaulich entschwundene Epoche näher. Es ist auch eine Zeit des Übergangs. Wir entnehmen seinen Schilderungen, dass die industrielle Revolution sich angekündigt hat, dass sich eine Zeit ihrem Ende zuneigt und vieles nicht mehr so sein wird, wie es bislang war.
Deutschböhmen
Ausgangspunkt ist das Siedlungsgebiet der Sudetendeutschen im nördlichen Böhmen, Mähren und in Schlesien um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Wenzel Abert, mit den Lebensdaten 1842 bis 1915 (gemäss den Angaben im Buch), bezeichnet sich selber als Böhmendeutschen. Im ersten Teil seiner Lebenserinnerungen schildert er seine Jugend in „einem kleinen Städtchen (…) zwischen den beiden Städten Leitmeritz und Melnik“. Ausführlich beschreibt er die lieblich sanfte böhmische Landschaft und bemerkt dazu: „Mein Geburtsort selber hat selbst ungefähr zweitausend Einwohner und ist nicht uninteressant.“ (S. 6). Den Namen des Ortes nennt er aber seltsamerweise nicht, und wir werden länger hingehalten, bis wir endlich zu wissen bekommen, wo genau in Deutschböhmen wir uns denn befinden: Es ist Gastorf-Kochowitz, das heutige tschechische Hoštka-Kochovice bei Litoměřice (Leitmeritz). Gemäss den amtlichen Angaben hat sich die dortige Einwohnerzahl seit Aberts Zeit erstaunlicherweise nicht erheblich verändert.
Eine Musikantenfamilie mit fachhandwerklichem Hintergrund
Wenzels Vater war gelernter Maurer, verdiente sich (weil dieses „Geschäft, welches bekanntlich nur im Sommer geht“, S. 12) aber einen wesentliche Teil des Familienunterhalts als Musiker, als Klarinettist, bei Anlässen. Der Hühner- und Gänsehof der auffallend dominanten Mutter („mit leider einer zu grossen Vorliebe für Schläge an ihren eigenen Kindern“, S. 19) sicherte das weitere notwendige Einkommen. Wenzel Abert schildert seine Jugendjahre auf dem bäuerlichen Betrieb lebendig und eindrücklich: die morgendliche Körperpflege der Familie draussen am „Pumpbrunnen“, die Arbeit auf dem Feld, bei festlichen Anlässen auf dem Familientisch ein grosser Topf Kaffe mit Gugelhopf, auch das Vögelschiessen, das ein Lieblingssport der deutschböhmischen Jugend gewesen sei. Zahlreich sind auch die katholischen Prozessionen oder die so genannten Gardistenbälle, die in dieser geschilderten Weise heute breit ausgestorben sind.
Auf dem elterlichen Betrieb begegnen wir auch zum ersten Mal den zentralen Gestalten des Buches: den wandernden Handwerksburschen. Sie erhielten von Wenzel Aberts Mutter einen Freitisch oder eine Wegzehrung und durften sich im Winter im Hausinnern aufwärmen. Abert betont, dass sie als Bedingung dafür aber anständig gekleidet sein mussten.
Damit formuliert er einen ersten Grundsatz des Wandergesellentums, dem er später in seinem Wanderbericht wiederholt Nachdruck verleiht und dem er selbst nachlebt: Ein sauberes Auftreten, Anstand, Freundlichkeit und Verlässlichkeit gehören unabdingbar zum Erscheinungsbild eines jeden Wandergesellen. Als er gegen Ende seiner Wanderung in Berchtesgaden einen Ort zum Übernachten suchte, kommentierte Abert beispielsweise, er habe bei einem Bauernhof angeklopft und: „Da ich anständig gekleidet war, so wurde ich überall freundlich aufgenommen.“ (S. 172-173).
Wenzel Abert auf dem Weg zum Gesellen
Wenzels musikalische Talente erregten früh Aufsehen. Bereits in den ersten Schuljahren genoss er Gesangs-, Geigen- und Klarinettenunterricht, Instrumente, auf denen er schnell Fortschritte machte, und die ihn dann zeit seines Lebens begleiten werden. Schon bald spielte er an kirchlichen Messen und öffentlichen Anlässen. Auch Wenzels Brüder waren musikalisch begabt, und das gemeinsame Musizieren im Familienkreis wurde rege gepflegt.
Aufgrund seiner Begabung war Wenzel für das Prager Konservatorium vorbestimmt. Dieser Plan scheiterte dann aber als die Dresdener Bank bankrott gegangen sei und der Vater dadurch sein Vermögen verloren habe. Stattdessen wurde Wenzel von seinem Vater dazu verknurrt, eine Ausbildung als Seifensieder anzutreten. Aus Abscheu vor dem damit verbundenen Gestank und Dreck gab er aber, zum väterlichen Missfallen, bereits nach kurzer Zeit auf und trat stattdessen eine Lehre bei einem Schlossermeister im nahen Melnik an. Geschmack daran fand er aber ebenfalls nicht; seine Bestimmung blieb die Musik. Dazu lesen wir von handgreifliche Rivalitäten mit ethnischen Tschechen, die ihm die Schlosserlehre in Melnik vergällten.
Wenzels Erleichterung war gross, als er schliesslich feierlich zum Gesellen erkoren wurde. „An diesem Tag hab ich die erste Zigarre öffentlich geraucht.“ (S. 99). Er hatte die Gesellenprüfung bestanden und erhielt den Lehrbrief, ausgestellt von seinem Meister.
Die aufkommende Eisenbahn
Wenzel Abert reiste auf dem noch jungen Schienenweg von Melnik in seinen Heimatort zurück. Die Bahn war ein zu seiner Zeit neues Transportmittel, das damals bekanntlich bei vielen auch Angst auslöste (sie war vergleichsweise schnell und drohte damit die Kutscher arbeitslos zu machen), und vor den Gefahren, die von ihr angeblich ausgingen, wurde gewarnt. Auch Wenzel nutzte die Eisenbahn nur mit Vorbehalt, aber aus einem anderen Grund: „(…) so hatte ich bei dieser Eisenbahnfahrt doch das Gefühl, als ob dies nicht mit rechten Dingen zuging“ (S. 102). Nach seiner abgeschlossenen Lehre als Schlosser stand Abert seine Wanderschaft als Geselle bevor. Es war insbesondere eine Fortbildungsreise, die ihm den Weg zur Meisterprüfung ebnen konnte. Und er wusste, dass sich Wandergesellen als eiserne Regel nur zu Fuss fortbewegen sollen.
Er formuliert damit einen weiteren allgemein verbindlichen Grundsatz des Wandergesellentums. Und er blieb auch diesem treu. Als er gegen Ende seiner Tippelei in Richtung Karlsruhe wanderte, bemerkte er, er würde mit der Eisenbahn bereits in zwei Stunden dort ankommen. "Doch ich wollte meinem Prinzip treu bleiben, alles zu Fuss zu geh’n, und so brauchte ich zwei Tage.“ (S. 189). Eine einzige Ausnahme, und diese contre coeur, machte er am Ende seiner Wanderschaft, als er nach Hause zurückkehrte, weil er sich dort dem militärischen Aufgebot stellen musste. Er löste in Karlsruhe eine Fahrkarte dritter Klasse - das damals kostengünstigste Angebot der Eisenbahn ohne jeglichen Komfort für die untersten Stände - nach Prag (S. 194).
Seine Einschätzung der Eisenbahn fällt auch in der abschliessenden Bilanz seiner Wanderung, am Ende des Buches, nicht günstig aus. Sie biete jungen Leuten zwar Annehmlichkeiten. Es sei aber nicht das Richtige für sie, weil sie oft so zurückkehrten, wie sie gegangen seien, „selten wird der Gesichtskreis dadurch erweitert“ (S. 198-199). Dies klingt wie eine frühe Kritik an unserem heute so schnellen, schrillen und erlebnishungrig raffgierigen Massentourismus.
Die Wanderjahre mit dem Berliner
Kochovice! Praha! Wien! Salzburg! München! Ulm! Karlsruhe!
Bevor Abert seinen Wanderstab ergreift, sehen wir ihn eines Morgens in aller Frühe beim Packen seiner sieben Sachen für das bevorstehende, lange Unterwegsein. Er ordnet seinen so genannten Berliner. Es handelt sich um einen Sack bestehend aus zwei Schürzen, die an den beiden Enden zusammengenäht sind. Der Wandergeselle füllt den Berliner mit seinen Kleidern und seiner Wäsche und trägt ihn auf der Walz umgebunden über die Schulter mit sich. „Es wurde in Form eines Militärmantels gerollt, wo dann die beiden Enden miteinander verbunden wurden und man einen Berliner nennt.“ (S. 103-104). Dieser Berliner wird auf der ganzen Reise zu Aberts treuem Begleiter. Er erwähnt ihn etliche Male, beispielsweise im bayrischen Günzburg, wo er auf eine Hochzeitsgesellschaft stösst:
„Ich besann mich nicht lange, sondern legte meinen Berliner in eine Ecke neben der Türe, setzte mich an den Tisch (…).“ (S. 177).
Oder nach der Übernachtung und vor der Weiterwanderung nach Ulm:
„Ich bedankte mich für die gute Aufnahme, worauf ich meinen Berliner umhing und ganz vergnügt gegen Ulm walzte, wo ich gegen Abend ankam.“ (S. 179.
Wer heute eine Begriffserklärung für einen Berliner in der zur Frage stehenden Bedeutung sucht, wird kaum fündig. Der Terminus ist ausgestorben. Dies macht Aberts Schilderung umso wertvoller.

Der Berliner, des Wandergesellen treuester Begleiter
Er zählte gut sechzehn Jahre, als er im Jahre 1859 auf die Walz ging, die bis 1863, somit vier Jahre dauerte. Als Schlossergeselle ist er jetzt an seiner blauen Kluft zu erkennen, während Zimmerleute schwarz und Gartenarbeiter grün tragen. Seine Wanderung führte ihn von seinem Herkunftsort Kochowitz zuerst in die etwa sechzig Kilometer entfernte Weltstadt Prag. Kaum aufgebrochen, lässt er wissen, dass sein Hauptziel aber Wien sei. Das Gebiet der Sudetendeutschen war Teil der Österreichisch-Ungarischen Monarchie (auch Donaumonarchie, oder k. u. k. Monarchie genannt), und mehr als Prag war Wien das Epizentrum. Sein Weg zu Fuss dorthin führte über Melnik, Iglau (das heutige Jilhava), Znaim (Znojmo) an der Grenze zum heutigen Niederösterreich, und Stöckerau. Von Wien wanderte Wenzel Abert über Mariazell, Gmunden und Ischl weiter nach Salzburg, Stuttgart, am Chiemsee vorbei nach München, Ulm und schliesslich bis Karlsruhe.
Arbeitssuche, Unterkunft
Wandergesellen sind Wanderarbeiter. Wo Abert bleiben wollte, nahm er auch Arbeit in seinem Metier als Schlosser an. Sein längster und am ausführlichsten geschilderter Aufenthalt war in Wien. Wir erleben anschaulich mit, wie sich der wandernde Geselle dort und an anderen Orten, wo er sich für längere Zeit niederliess, beruflich und gesellschaftlich organisierte und integrierte. Er meldete sich bei der örtlichen Amtsstelle, beispielsweise in Wien auf der zuständigen Kanzlei, und er bezog seine Unterkunft in der Herberge. Beide Instanzen wurden ihm von seiner heimatlichen Zunft, oder der Schacht, wie sie insbesondere heute oft genannt wird, vermittelt oder zugewiesen. In Wien bezog er im, wie er es nennt, Innungshaus der Schlosser Quartier. Solche Unterkünfte gab es gesondert nach Berufsgattungen, so für Schlosser, Bäcker Schuster oder Schneider, „welche dazu bestimmt waren, die zugereisten Fremden aufzunehmen ihnen Arbeit zu verschaffen“ (S. 121).
Meistens fällt ihm die die Arbeitssuche leicht; sein Handwerk ist gefragt. In Ulm bemerkt er dazu: „Wie ich mir gewünscht, bekam ich gleich Arbeit, (…)“ (S. 179). Ebenso in Karlsruhe:
„Denn als ich in einer Maschinenfabrik am Bahnhof um Arbeit anfragte, erhielt ich den Bescheid, dass ich sogleich eintreten könne.“ (S. 190).
So auch in Ternitz, im niederösterreichischen Bezirk Neunkirchen:
„Schon nach einigen Tagen wurde mir eine passende Stelle (…) angeboten, die ich auch sogleich annahm.“ (S. 138).
Der Arbeitsmarkt bietet dem gelernten Schlosser diverse Möglichkeiten. Er arbeitet als Eisendreher, unterhält Turmuhren oder er nimmt in Karlsruhe das Angebot an, „Eisenbahnwagen sämtlicher Klassen zu beschlagen, d. h. die Türen derselben mit Schloss und Riegel zu verseh’n.“ (S. 190). In Ternitz lernte er Eisen herzustellen, und die Maschinenschlossereien und Maschinenfabriken standen ihm gleichermassen offen.
Doch die Arbeitssuche konnte sich auch schwierig gestalten, abhängig von der konjunkturellen Lage, beispielsweise in Wien. Österreich lag in jenen Jahren im Krieg mit Italien, und Abert bekam die schlechte ökonomische Situation der Monarchie leidlich zu spüren.
Seine wiederholten Anfragen nach Arbeit auf der zuständigen Wiener Kanzlei blieben erfolglos. Dazu warteten in den Innungsräumen bereits Hunderte von Arbeitern vor ihm auf Beschäftigung. Die Herberge sei verwahrlost und dreckig gewesen, und auf der Aussenseite seien die Wiener Dirnen zuhauf ihrer Beschäftigung nachgegangen.
Ohne Arbeit drohte Abert nach zwei Wochen das Geld auszugehen:
„(…) ich musste sehr sparsam mit meinem Geld umgeh’n, da ich nicht wusste, wie lange ich arbeitslos auf der Herberge werde zubringen müssen.“ (S. 124). Aus Geldnot teilte er ein Bett mit einem an anderen Gesellen, „für zwei Kreuzer Schlafgeld“ (S. 125). Er nennt es „eine Zeit der harten Entbehrungen“.
Die „Erlösung“ sei gekommen, „als ein fein gekleideter Meister in den Fremdensaal trat und der Reihe nach einen jeden musterte.“ (S. 125). Abert erhielt den Zuschlag, packte sofort seinen treuen Begleiter, den Berliner, und begab sich erleichtert in die neue Werkstatt.
Auch andere Unbill musste der reisende Gesell erleiden. Seine Anstellung in Wien geriet am Ende zu einem demütigenden Tiefschlag. Die Stelle wurde ihm wegen angeblich unfachmännischer Arbeit gekündigt, was Abert mit guten Gründen bestritt.
Nicht zu unterschätzen sind auch die von ihm geschilderten Strapazen, wenn er sich winters bei Schnee, Kälte und Regen wegen Geldmangels keine Herberge leisten konnte. Es blieb ihm dann keine andere Wahl, als in einer kalten Scheune eines Bauernhofs zu übernachten.
Aberts Wanderbuch, behördliche und administrative Registrierungen
Selbst bei einer solchen, gleichsam armengenössigen Übernachtung musste Abert dem Bauer, der ihm gnädig Unterschlupf bot, sein so genanntes Wanderbuch abgeben. Es war dies ein Identitätsnachweis, vergleichbar mit einem heutigen Reisepass. Ausgestellt wurde es vor der Abreise von der Herkunftsgemeinde des Gesellen. Die Behörde setzte im Wanderbuch fest, wie lange er unterwegs sein durfte. Im Falle von Wenzel Abert waren es vier Jahre, was damals der allgemeinen Usanz entsprach, wie er selbst andeutet (S. 144).
Dies hatte seinen guten Grund. Fachhandwerker wie Wenzel Abert erreichten mit etwa sechzehn Jahren den Gesellenstatus. Vier Jahre danach, im Alter von rund zwanzig Jahren, wurden sie in der Regel militärisch gemustert. Deswegen hatten sie sich dann wieder zu Hause einzufinden. Abert war sich all dessen wohl bewusst:
„Nach Ablauf dieser mir von der Behörde bewilligten vier Jahre musste ich mich derselben für den Militärdienst zur Verfügung stell’n.“ (S. 144), da er „von der Behörde keine Einwilligung für das Ausland hatte“ (S. 185).
Wie erwartet erreichte Abert gegen Ende seiner Wanderschaft von seinem Vater die Nachricht, dass die behördliche „Assentierung“ eingegangen sei. Es handelt sich um einen veralteten Begriff aus der k. und k.-Zeit, welcher der heutigen militärischen Musterung oder schweizerisch, der Aushebung oder Rekrutierung entspricht.
Tatsächlich zog Abert in Erwägung, mit einer Flucht in die Schweiz der Einberufung in die heimatliche Armee zu entgehen. Ein „Landjäger“, ein Polizist, dem er nahe Karlsruhe ordnungshalber sein Wanderbuch vorzeigen musste, riet ihm aber davon „aufs entschiedenste“ ab, weil er damit als Militärflüchtling nie mehr ungestraft in sein Vaterland zurückkehren könne.
„Als er sogar von einigen Jahren Festung sprach, die mir in diesem Falle blühen müsste, da war ich von meiner Schweizer Reise geheilt.“ (S. 190).
Abert folgte dem polizeilichen Rat und kehrte folgsam nach Hause in sein heimatliches Kochowitz zurück.
Wandergesellen sind keine Landstreicher
Mit seinem Wanderbuch sollte sich der aufrechte, arbeitswillige Geselle auch vom unbeliebten Landstreicher abheben, der in der Regel ohne Dokumente irgendwelcher Art umherzog.
Eingetragen wurden neben der gewährten Reisedauer die Arbeitsstellen, Aufenthalte und Übernachtungen des Gesellen während seiner Wanderung; und auch sein soziales Verhalten wurde vermerkt, gleichsam benotet. Das Wanderbuch war wichtig für die weitere Laufbahn, wollte ein Geselle zum Meister avancieren.
Hingegen war es, wie die Bezeichnung könnte vermuten lassen, nicht für Einträge des Inhabers selbst bestimmt. Es war in keiner Weise als Tagebuch vorgesehen, in dem der Geselle seine Erlebnisse hätte niederschreiben können. Dies ist denkbarerweise auch ein Grund dafür, dass es verhältnismassig wenige Erinnerungsbücher von Handwerksgesellen gibt. Notizen machten sie kaum, und Erinnerungen verblassen mit zunehmendem Alter.
Musikantenblut
Wenzel Abert war Schlosser und ging als Geselle vier Jahre auf die Walz, aber seine tiefe Bestimmung war stets die Musik. Er stammt aus einer Familie, in der rege musiziert wurde, und die Hochzeiten, Tanzanlässe, auch Begräbnisse mit ihren Darbietungen bereicherte. Auf seiner Wanderung führte er eine Geige mit sich, und er musizierte, wo und wann immer sich ihm Gelegenheit dazu bot. So bereits in den ersten Tagen seiner Gesellenwanderung in den Herbergen in Iglau und Wien, wo er eine Geige an der Wand entdeckte, sie ergriff und „zur allgemeinen Verwunderung“ darauf spielte (S. 139). Er besucht dort auch begeistert die Oper und das Theater. In München stiess er auf eine Hochzeitsgesellschaft. Ohne sich lange zu besinnen, habe er seinen Berliner in eine Ecke gelegt und die anderen nach Herzenslust unterstützt (S. 177). Seine ganze Walz ging einher mit spontanem Musizieren, mit Ständchen dieser Art. Abert verbesserte dadurch auch seine materielle Situation auf der Reise erheblich: „Ich verdiente mit der Musik ein schönes Stück Geld“, wie er dazu bemerkt. In seiner Bilanz am Ende erklärt er die Musik zu seinem „höchsten und reinsten Kunstgenuss“ (S. 200).
Von seinen Wanderjahren zurückgekehrt wurde er militärisch eingezogen und 1866 im Krieg zwischen Deutschland und Österreich eingesetzt.
Sein Wunsch ging nach dem Kriegseinsatz in Erfüllung. Im Jahre 1871 wurde er von der Hofkapelle Stuttgart als Bratschist aufgenommen. Diese Anstellung wurde ihm durch seinen Bruder Johann Joseph Abert vermittelt, der 1867 zum Hofkappellmeister in Stuttgart ernannt worden war. Johann Joseph schuf ein beachtlich umfangreiches musikalisches Werk: mehrere Opern und Symphonien, zahlreiche Orchesterwerke, Kammermusik, Chor- und Orgelwerke, zudem Inzidenzmusik für das Theater (detailliert aufgeführt bei Wikipedia). Wenzel Abert erarbeitete Variationen, Arrangements und Bearbeitungen, dazu wenig selber komponierte Klaviermusik (aufgeführt im Anhang unserer Ausgabe). Aussergewöhnlich ist, dass Wenzel Abert als Autodidakt ohne akademische musikalische Ausbildung schliesslich eine vollamtliche Stelle als Hofmusiker zugesprochen erhielt. Umgekehrt lässt sich sagen: Wenn er sich von Anbeginn ausschließlich der Musik gewidmet hätte, so fehlten uns heute seine reichen Erlebnisse als Wandergeselle.
Editionsgeschichte
Gemäss der Angabe im Impressum beruht die Ausgabe des Musikantenblutes auf einem unveröffentlichten Manuskript aus dem Besitz der Johann-Joseph-Abert Gesellschaft. Da diese heute nicht mehr existiert, konnten dazu keine weiteren, allenfalls interessanten Informationen eingeholt werden. Das Manuskript ruhte somit seit der Niederschrift im Jahre 1913 (S. 235) bis zur Veröffentlichung 2004 rund neunzig Jahre, wo auch immer.
Im Anhang unserer Ausgabe, der einzigen, die es gibt, wird mit einem gewissen Bedauern festgestellt, dass Wenzel Abert aus wahrscheinlich gesundheitlichen Gründen später keine weiteren Teile seiner Lebensbeschreibung habe nachfolgen lassen (S. 235). Dazu lässt sich sagen, dass sein Musikantenblut etwas mehr als die ersten zwanzig Jahre seines Lebens (1842-1863) umfasst. Dies entspricht zeitlich dem Rahmen vieler Autobiographien, die einige Jahre nach Erreichen des Erwachsenenalters abbrechen. Sie lesen sich in der Regel frischer und unmittelbarer als Memoiren, die das Leben rückblickend in allen Bereichen zu deuten und zu erklären versuchen, aber verkennen oder nicht wahr haben wollen, dass die vergangene Realität anderen Linien folgte. Dass es bei Wenzel Aberts erfrischender Autobiographie blieb, kann somit auch als Gewinn gesehen werden. Der Vitalis Verlag, der einzige deutschsprachige in Prag, hat sich mit dieser Ausgabe verdient gemacht, auch damit, dass sie nach mehr als zwanzig Jahren noch immer im Verlagssortiment zu haben ist.
Zeugnisse von Wandergesellen sind nicht häufig, und auch das wissenschaftliche Schrifttum zu diesem Aspekt der europäischen Industriekultur ist überblickbar. Die wohl lohnendste und umfassendste Studie stammt von Dr. Markus Römer, Wandergesellen auf der Walz – Vergangenheitsrelikt oder Hochschule des Handwerks? Wer über Wenzel Aberts Musikantenblut hinaus zum Wandergesellentum weiterführende Informationen sucht, wird hier fündig. Leider ist diese kürzliche, lehrreiche Dissertation der Universität Bayreuth aus dem Jahre 2024 nicht als Buch erschienen, wie sie es zum Frommen aller am Thema Interessierten verdienen würde. Tröstlicherweise kann sie aber im Internet in ihrer Ganzheit gelesen werden.
Wenzel Aberts kräftiges Musikantenblut ist in der Bibliografie dieser Studie nicht aufgeführt, was zeigt, wie rar, unverdienterweise wenig bekannt diese Erinnerungen sind.
Drei Nachgedanken
Wenzel Abert erwähnt in seinem Wanderbericht etliche Berufsgattungen, die heute kaum mehr bekannt oder ausgestorben sind, beispielsweise die Seifensieder, Eisenschmiede, Bortemacher, Posamenterer oder Bortenwirker. Nachlesen kann man dazu in:
Rudi Palla, Verschwundene Arbeit. Ein Thesaurus der untergegangenen Berufe (Frankfurt a. M. 1994).
In jüngerer Zeit sind überraschend interessante und erfrischende Entwicklungen zu beobachten. Beispielsweise nehmen einzelne Zünfte oder Schächte, in denen die Wandergesellen organisiert sind, seit den Achtzigerjahren auch Frauen auf. Und im Internet finden sich Kurzberichte von jungen Frauen, die das Monopol traditionell männlicher Berufe wie Zimmermann, Schlosser oder Maurer durchbrochen haben und als Wandergesellinnen (so dies der korrekte Begriff ist) auf die Walz gegangen sind. Wohl getan.
Wenzel Abert zieht in den letzten Seiten des Musikantenblutes Bilanz über seine Wanderung als Geselle. Da er einer Handwerkerfamilie entstammte, gelernter Schlosser war und sich bis zu seiner Berufung als Bratschist in Handwerkerkreisen bewegte, überrascht, dass er mit den Bestrebungen der damals jungen Sozialdemokratie, die harten Arbeitsbedingungen der Arbeiter zu verbessern, hart uns Gericht geht. Er wettert beispielsweise gegen den „sozialistischen Hauch“ oder das „schädlichste Gift“ der sozialdemokratischen Zeitungen. Beamte würden im Vergleich benachteiligt, und er stellt sich auf die Seite des „Kapitals“. Seine Überlegungen sind nicht alle gleich gut nachvollziehbar. Der etwas dissonante Abschluss ändert aber nichts daran, dass sein Musikantenblut eine lohnende Lektüre ist.
Wenzel Abert, Musikantenblut (Prag 2004)
Melanie Lauchenauer hat die beiden Illustrationen für diesen Text geschaffen.
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