Reiseerfahrungen im Süden Europas vom 16. Jahrhundert bis heute

Die deutsche Italiensehnsucht
Deutsche Schriftsteller, Philosophen, Musiker, Künstler jeglicher Gattung, die deutsche Bevölkerung mit ihrer regen Reisetätigkeit in den Süden, unterhalten einen geradezu verliebten Bezug zu Italien. Dort ist alles besser und alles schöner. Goethes Lied der Mignon aus Wilhelm Meisters Lehrjahre steht pars pro toto, ist für diese Italiensehnsucht programmatisch:
Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn,
Im dunkeln Laub die Goldorangen glühn,
Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht,
Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht?
Kennst Du es wohl?
Dahin! Dahin
Möcht’ ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn.
Sogar Fanny Lewald, die in ihrem Italienischen Bilderbuch (1847) mit einem kritischen Blick auf das Land schaut, stimmt in das hohe Lob ein:
Da wendet das Auge sich sehnsuchtsvoll nach Süden! (...) Der Süden wird die Sehnsucht des Lebens, Italien das Ziel, nach dem fast jeder Nordländer strebt.
Italien wird in der deutschen Geistesgeschichte über die Jahrhunderte als Land der Verheissung dargestellt. Ein frühes Standardwerk ist Johann Jacob Volkmanns Historische-kritische Nachrichten von Italien, erschienen 1770/71 in drei Bänden, das oft zitiert wurde (so auch von Wilhelm Heinse, nachfolgend), und das so beliebt war, dass es bereits 1777 neu gedruckt werden musste. Zahlreich folgten diesem Werk weitere Beschreibungen von Italien. Besonders erfasst vom Italienfieber war die Familie Goethe. Von Johann Caspar Goethe erschien 1774 Un Viaggio per l’Italia, das dem Vater des Dichterfürsten als sein Lebenswerk galt, verfasst in holprigem Italienisch. Sein Sohn Johann Wolfgang beschrieb Italien begeistert in seiner Italienischen Reise, erschienen 1816-1817. Das Land habe ihn aufs Innerste verändert, wie er nach seiner Ankunft in Rom bekennt. Wiederum bereiste auch sein Sohn August 1830 den Stiefel und hinterliess mit Auf einer Reise nach Süden einen interessanten Bericht.
Ausführliche Beschreibungen kommen in der Folge von Wilhelm Heinse (die Tagebuchnotizen seiner Italienreise aus dem Jahre 1783), Karl Philipp Moritz (Reisen eines Deutschen in Italien in den Jahren 1786 bis 1788), Johann Gottfried Seume (Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802), Karl Friedrich Schinkel (Aufzeichnungen seiner Italienreisen in den Jahren 1803-1805 und 1824), Heinrich Heine gleich mehrfach und kritisch hinterfragend (Die Reise von München nach Genua, Die Bäder von Lucca, Die Stadt Lucca, 1830-1831), Fanny Lewald (Angabe oben), vom heute allgemein vergessenen aber lesenswerten Ferdinand Gregorovius (Wanderjahre in Italien, 1856–1877), oder von Victor Hehn (Italien. Ansichten und Streiflichter, 1867). Die deutschen Beschreibungen von Italien lassen sich zahlreich ergänzen, über Rainer Maria Rilke, Thomas Mann bis hin zur jüngeren Zeit, beispielsweise Joachim Fests Im Gegenlicht. Eine Italienische Reise (1988), die der Autor entgegen der Konvention vom Süden aus in den Norden unternahm, worauf der Titel des Buches anspielt.
„Eine Warnungsstimme - Italien, wie es wirklich ist“
Das Bild der deutschen Klassik und Romantik von Italien war schwärmerisch, idealistisch. Es wurde herausgefordert, ja lächerlich gemacht und bekam Risse, als Gustav Nicolai, ein Rundumtalent, Jurist im preussischen Heer, dazu auch Schriftsteller und Komponist, sich im Jahre 1833 zusammen mit seiner Ehefrau, einem Bruder und einem Freund auf die Reise von Berlin nach Italien machte. Nicolai war von der Überzeugung besessen, dass das etablierte Italienbild mit der Wirklichkeit stark auseinander klaffte. Schon der Titel und der Untertitel seines Reiseberichtes lassen nichts Gutes erwarten:
Italien - wie es wirklich ist. Bericht über eine merkwürdige Reise im Jahre 1833 in den hesperischen Gefilden als Warnungsstimme für alle, welche sich dahin sehnen.
Im vierten Satz des Vorworts lesen wir: „(…) ich will Euch warnen vor dem Wunderlande!" Seine Absicht sei gewesen: „Von Heiterkeit beseelt, (...) die Wunder Hesperiens mit voller Seele zu geniessen". Hält man das ganze Unternehmen im Auge, so können diese Heiterkeit und dieser ersehnte Genuss nur gespielt, vorgetäuscht sein; ein erster Anflug von Zynik. Er sei aber bereits nach dem Überschreiten der italienischen Grenze in seinen Erwartungen betrogen worden und habe bei einem Haar umkehren wollen. Und mit voller Wucht drescht Nicolai dann in seinem langen Reisebericht (Erstausgabe von 1834, Band 1: 314 Seiten, Band 2: 344 Seiten) auf Land und Leute ein und schlägt so blindwütig wie eloquent alles kurz und klein. Seine missionarisch anmutende Mission ist, andere vor dieser „schmerzlichen Enttäuschung durch eigene Erfahrung zu bewahren“ (15).
Nicolai reiste vom Norden bis nach Neapel und besuchte Rom, Venedig, Florenz, Genua, Bologna, Padua, Siena und zahlreiche weitere Städte und kleinere Orte. Sein niederschmetterndes Fazit ist: Nur Genua, Siena, Triest und der Lago Maggiore im Norden vermögen den Ansprüchen zu genügen.
Was aber sind die Kritikpunkte von Gustav Nicolais tiefer Verachtung für Italien? Sie durchziehen leitmotivisch seinen langen Reisebericht. In keinem der insgesamt dreiundfünfzig Kapitel fehlen sie. Hier, teils stichwortartig, sind einige:
Unordentlich, schmutzig, lärmig
Wo immer er anhalte, sei er dem „Anblick ekelhafter, schmutziger Menschen“ ausgesetzt (S. 41), „nur Pöbel, nicht sauber gekleidete, anständige Leute“ (42); „flutendes, schreiendes, heftig gestikulierendes Gesindel mit Hakennasen und glühenden Augen“ (46). „Müssig gaffendes Volk“ betrachte den angekommenen Fremden mit wilder Frechheit und verhöhne ihn laut (47). Handwerker arbeiteten auf den Strassen, was eine „abscheuliche Gewohnheit“ sei (110). Auch um ein Uhr nachts herrsche draussen noch „ein brüllender Höllengesang“ (119). Nachtruhe kenne der Italiener nicht (263); in kleineren Städten sei der nächtliche Lärm noch viel schlimmer als in den grösseren; ein Tollhaus sei es noch um vier Uhr morgens (361). Alle italienischen Städte würden nach Küchendunst riechen (157). In Neapel sehe man grunzende Schweine auf den Strassen umherlaufen (233). In Pisa unter dem Tisch seines Schlafzimmers sei eine modernde Maus gelegen; sie sei nicht weggeräumt worden und manche Reisende hätten sie nach ihm auch noch gesehen (374). Italienische Betten seien so konstruiert, dass das Genick absterbe (94).
Keine hübschen Frauen
Er habe in Italien „kaum sechs schöne weibliche Gesichter gesehen“ (14); auch in Venedig sei „ein nur leidlich hübsches Gesicht nicht aufzufinden" (52). Ebenso in Neapel blieben die weiblichen Schönheiten unsichtbar (227). Und im Theater in Mailand habe er keine einzige hübsche Mailänderin gesehen (440).
Bettler überall
Nicolai beklagt sich über die „unbeschreibliche Zudringlichkeit der Bettler“ (41), eine „Höllenqual“, ihr „markdurchbohrendes Geschrei“ (172) vergälle ihm den Aufenthalt. Und man merke: Sie würden nur Fremde, nicht aber Italiener anbetteln (173).
Passkontrollen
Italien bestand zu jener Zeit noch aus Stadtstaaten, weshalb Reisende sich beim Übertritt vom einen in den anderen ausweisen mussten. Nicolai beklagt sich, dass er an einem Tag fünf Mal den Pass habe vorweisen müssen (391), dass die Zölle ungebührlich seien (426), und dass beim Geldwechseln betrogen werde (196).
Flöhe
Sie waren Nicolais grosse Plage in Italien, die seinen ganzen Aufenthalt vom ersten bis zum letzten Tag vermieste, und die jedes Kapitel seines Reiseberichtes dominiert. In Venedig stachen ihn die Flöhe „mit heisser Gier“ (61), „zerfleischten“ ihn fast (63). Schlaflos war er, weil er sich „mit den bissigen Flöhen Bolognas abgeärgert hatte“ (82). Auch in Rom hielten ihn die „heisshungrigen Flöhe“ wach (157) und die Flohbisse quälten ihn (169). In Florenz fand er Flöhe in der Butter (96). Gegen Scharen von Flöhen kämpfte er in der Oper in Florenz (105). Und in keiner Bauernkneipe in Deutschland gebe es so viele Flöhe wie in seiner Unterkunft, seinem Palazzo in Neapel (271), wie er enragiert ausführt.
Kunstwerke beeindrucken nicht
In den Museen von Venedig: „Das hohe Altertum mag diese Bildwerke interessant machen, Kunstwert haben sie nicht.“ (55)
Im Vatikan: „Wir haben das Wunderwerk der Peterskirche gesehen, es vermag uns nicht zu entschädigen.“ (141)
Kirchen in Neapel: „Sie sind meistenteils unbedeutend.“ (279)
Schlechtes Essen
Triest: An der table d'hôte sei er jämmerlich abgespeist worden (31). Brot scheine man in Italien nicht zu kennen (43). Jeder Biss mache die Zähne wackeln (202). Im Gegenzug lobt er „das grobe, schwarze Landbrot in Deutschland" (186). „Italienisches Bier! O ihr Götter!“ In Terracina: Mahlzeiten abscheulich, stinkende Seefische, unreife Aprikosen halbfaule Feigen (193). In Neapel: Eine Küche, „die von Schmutz starrte“, die Köche, „ein halbnacktes Gesindel" (204). Stinkende Knoblauchwürste, gelbgraues Wurmgewinde steinharter Makkaroni (232).
Ausnahmsweise gut gegessen in Tivoli (344).
Schlechter italienischer Wein
In Neapel: „Ein völlig ungeniessbares, elendes Gesöff“ (205). Die französischen Weine würden bevorzugt, weil inländische mit wenigen Ausnahmen nicht trinkbar seien (416, 213). Italienische Weine würden von deutschen Weintrinkern nicht akzeptiert (213). Genua: Trübe, gelbe Jauche als Wein getrunken (409).
Schlechtes Wetter
Italien sei ein klägliches Land, weil es nur bei schönem Wetter besuchenswert sei (18). Die so gerühmte Milde des Klimas gebe es nicht (97).
Neapel: Die Luft sei besonders schlecht (281, 283, 303). Der Beweis sei erst noch zu erbringen, dass das italienische Wetter tatsächlich beständiger und milder sei als das deutsche (308).
Die italienische Musik genüge nicht
(Nicolai war selber auch Komponist.)
Ihr Zustand sei überall kläglich (108). Italienische Volksgesänge seien ein Höllengebrüll (117).
Eine von ihm besuchte Oper von Bellini in Neapel habe den Anforderungen nicht entsprochen. Die italienische Musik liege in ihren letzten Zügen (226).
Die Natur in Italien sei nicht schön
Überall knorrige, laublose, vertrocknete Bäume (40); ohne das lebhafte deutsche Grün (113); ohne den Zauber des deutschen Vaterlandes (86). Beispielsweise die schöne Steiermark, die mächtigen Alpen (88). Wald gebe es in Italien nicht (135). Dafür viel wuchernde Schmarotzerpflanzen und Unkraut (115-116, 187). Viel öde und unkultivierte Gegenden (139). Orangen seien gar nicht italienischen sondern orientalischen Ursprungs (220). Die Orangenbäume und Aloepflanzen in Neapel gebe es auch zu Hause in Deutschland in Kübeln zu bestaunen (276). Man sehe fast nur öde Felder, Wüsten, Kloaken, Ruinen, schmutzige Höhlen (182).
Deutschland sei schöner
Venedig: „schmutzige Gondelführer“; „Aasgestank des Fischmarks (48); eine faulende Kloakenstadt (411). Die Stadt errege mehr Verwunderung als Bewunderung (53); „eine grosse, wüste, schmutzige Ruine, ein Gewinde stinkender Kloaken“ (56); pestilenzartiger Schlammgeruch, trümmerhaft (57), schmutzig, russig (58), unausstehlicher Gestank (59), Geruch von Fäulnis (59), die Gebäude schwarz und grau (76).
Reinliche Fenster und Vorhänge und gut gekleidete Bewohner dahinter zeigten demgegenüber Deutschland als das Land der Zivilisation (77). Den wenigen schönen Gegenden in Italien würden zahlreiche deutsche von gleicher Schönheit entgegen stehen (17).
Bologna: enge, stinkende Strassen (85).
Florenz: Stehe im Vergleich mit Prag hintan (111).
Nicolais Impressionen in Rom: schmutzig, russig, enge Gassen; die Paläste seien finster, drohende Steinklumpen (142); eine angeblich prächtige Stadt. Die Gebäude sollten geputzt werde (151). Nur Archäologen gerieten in Rom in Ekstase (152). Das Colosseum sei eine Ruine (154). Rom werde vergöttert, es sei aber eine Altertumskrämerei (168). Das Pantheon habe ihn völlig kalt gelassen (170). Alle Anlagen in Rom seien schlecht in Ordnung gehalten (174). Die Bevölkerung verrichte auf den Strassen des Vatikans die Notdurft, sobald der Papst abgereist sei (177). Das Höhlenhafte der Wohnungen sei ohne Kultur und Gesittung (186).
Neapel: schlechte Beleuchtung, eine ägyptische Finsternis (228); wie im Orient oder in Nordafrika (230); eine schmutzig Stadt (273). Man glaube, nicht mehr in Europa zu sein, noch höhlenhafter, schmutziger als sonst in Italien (195-196). Der Anblick (seltener) anständiger Leute erinnert Nicolai „an die schöne Heimat“, an Deutschland (231).
Pompeji: klein, ja kleinlich! (242); Schmutz, Flöhe, Unflat hätten schon die Alten geliebt (244). Die Malereien seien Klecksereien (244); Trümmer, ohne Anschein von Grösse (258).
Die lombardische Ebene sei unerträglich langweilig (429).
Mailand: Wer diese Stadt als prächtig bezeichne, beweise, dass er sie nicht gesehen habe (432). Auch die Umgebung sei langweilig (438).
Pisa sei wirklich öde (373).
Schön seien alleine Tivoli (346), die Hügel um Siena (368), das an Kunstschätzen reiche Florenz und Genua, wo die Strassen sauber seien wie in Deutschland; ohne ekelhafte Stinkwaren (412), mit dem saftigen Grün des deutschen Vaterlandes, die Häuser in freundlichen Farben (413). Der Leuchtturm sei ein Meisterwerk der Baukunst (420). Dazu keine Handwerker auf den Strassen (415). Aber auch Genua kenne keine schönen Frauen (415). Der Lago Maggiore liege ganz nahe an Deutschland, welches unendlich viel schöner sei als Italien (446, 463).

Im Bild sehen wir die Apuanischen Alpen, aufgenommen auf der Stadtmauer um Lucca. Die Szenerie wird gemeinhin als locus amoenus gefeiert. Aber auch dieser Aufenthalt geriet nicht zum Wohlgefallen von Gustav Nicolai. Die Stadt liege in einer „angenehmen Ebene", doch: „Gesindel umstand unsern Wagen und gaffte uns so verwunderungsvoll an, als ob wir Baschkiren wären." Händler bieten Wachsfiguren an, „Bettlervolk" belästigte ihn auch hier. Doch in Italien die Behörden um Hilfe zu rufen, sei bloss ein Zeitverlust und ein Ärgernis. Er gebot, „mit einigen kräftigen Flüchen den Postillionen zuzufahren, und der Pöbel jauchzte hinter uns her" (S. 388-389).
Lob für die Schweiz , und nochmals Tadel für Italien
Nicolai schildert auch seine Anreise von Berlin bis an die Grenze von Italien und am Schluss von dort die Rückreise in die Heimat. Seine Absicht: Um auch damit den Beweis zu erbringen, wie viel schöner es ausserhalb von Italien sei. Bei der Rückreise durch die Schweiz findet der gebildete Herr mit der scharfen Zunge im letzten Kapitel panegyrisches Lob für die Eidgenossen. Zwar: Er hört zum ersten Mal den deutschschweizer Dialekt, „unglücklicherweise im Munde von Damen!“ (464), ein „Kauderwelsch", bei dem ihm „Hören und Sehen“ vergangen sei (464). Doch dann folgt nur noch Erfreuliches. Die Schweizer seien fleissig, froh, herzlich und wohlgekleidet. Er sei in diesem „entzückend schönen Land“ nirgends betrogen worden, ein erster Seitenhieb gegen Italien, wo er überall Lug und Trug erfahren habe. Auf den Schweizer Bergen würden sogar die Glocken der Kühe harmonisch läuten. Und dann, ganz am Schluss, nutzt Nicolai die Gelegenheit nochmals, als ob ihm das Schweizerlob bloss als Sprungbrett für einen letzten italienischen Tadel dienen sollte: Selbst die Aussicht vom Vesuv trete gegen den Berg Rigi in den Schatten. Keine Gegend Italiens sei so zauberhaft. Und: „Die paradiesischen Täler der Schweiz haben wir in Italien nirgend gefunden.“ (477)
Das Fazit
Schlussfolgerungen zieht Gustav Nicolai im Verlauf seiner langen Beschreibung immer wieder, nicht nur am Ende derselben. Tatsächlich steht das Ergebnis schon im Vorwort fest, sind seine Erkenntnisse bereits gewonnen. Das deutsche Vaterland sei gesund; die Leute würden verführt, suchten auswärts das Bessere und fänden alles Fremde schön, wie er ausführt. Insbesondere Deutsche seien lächerlich, weil sie das Fremde anbeten würden und mit ihren Reisen nach Italien prahlen wollten. Wiederholt wünscht er, er hätte Italien nie gesehen. Alles - so am Schluss -, was von Berichterstattern zur Vergötterung Italiens geschrieben oder gesungen worden sei, sei freche Lüge oder lachhafte Übertreibung.
Gustav Nicolai erachtet es als seine Pflicht, ein falsches Italienbild zu entlarven und zurechtzurücken. Neben Goethe waren ihm die Romantiker um Tieck, Novalis oder Wackenroder aus der „Nebelschwebelperiode“ (= Romantik, 11) ein besonderer Dorn im Auge. Nachdem der von ihm entfachte Skandal (vgl. unten) einmal verklungen war, waren aber kaum neue Sichtweisen erkennbar. Und die Italiensehnsucht hält bis heute an.
Vielleicht hätte Nicolai mehr Erfolg gehabt, wäre er sachlicher ans Werk gegangen. Einen unvoreingenommenen Zugang zur Geschichte und Kultur Italiens zu finden gelang ihm nicht. Er verbaute sich diesen selbst, insbesondere auch weil er stets mit Deutschland verglich, er in Italien sein heimatliches Deutschland suchte. So blieb er vorurteilsbehaftet und eröffnete sich keine neuen, kreativen Sichtweisen. Zahlreich sind seine Überlegungen, oder vielmehr Behauptungen, nicht nachvollziehbar, geradezu abstrus, beispielsweise dass das Pantheon von innen und aussen einen „kläglichen Anblick“ biete und ihn völlig kalt gelassen habe. Unangefochten gilt das Pantheon in der Architekturgeschichte aber als ein einzigartiges, hoch komplexes Wunderwerk.
Umgekehrt sind die eingehenden Analysen Nicolais, wenn er genau hinschaut und sich offen und unvoreingenommen vertieft, etwa zu Rom, Pompeji oder Genua, wertvoll und erkenntnisreich. Und nicht zuletzt lesen wir mit Gustav Nicolai einen Autor, der in ausnahmehaft hohem Masse eloquent ist, sprachlich originell und unverkennbar eigenständig formuliert. Ad exemplo zur Schönheit der Isola Bella am Lago Maggiore: „Wie im übrigen Italien die Natur weit hinter den schwülstigen Übertreibungen der Enthusiasten, bleibt hier der Ausdruck des Enthusiasmus hinter der Natur zurück.“ (461). Und wer gerne lacht, kommt bei dieser Lektüre voll auf die Kosten.
Dem Anhang in der Neuausgabe ist zu entnehmen, dass Nicolais Italienbuch auf heftige Kritik stiess. Eine vernichtende Rezension in den Blättern für literarische Unterhaltung erboste Nicolai dermassen, dass er dagegen Klage erhob. Jurist, der er selber war, unterlag er aber. Das Gericht stützte in seinem Urteil das Recht des Rezensenten auf freie Meinungsäusserung im Rezensionswesen. Es war ein viel beachtetes, frühes Leiturteil in dieser Causa. Gustav Nicolai löste mit seinem Italienbuch einen Skandal aus und ging damit in die Literatur- und Kulturgeschichte ein. Und am Ende schrieb er damit auch noch Rechtsgeschichte.
Nicolais Italienschelte ist im deutschen Sprachraum ausnahmehaft, singulär. Sie hat aber Vorläufer. Nicht in Deutschland, sondern in Grossbritannien, hauptsächlich in England.
Die englische Passion für die italienische Geschichte und Kultur
Vorausgegangen war der britischen Skepsis, den Warnungsstimmen im Sinne von Gustav Nicolai, eine geradezu unersättliche Neugier und eine überschwengliche Passion für Italien. Die englische Renaissance hinkte der italienischen um Jahrzehnte nach. Englische Reisende, vorab aus dem Stand der gebildeten „gentry", bereisten die Halbinsel und berauschten sich am dortigen kulturellen Reichtum. In zahlreichen Reiseberichten brachten sie dann ihre Eindrücke und Erlebnisse zurück in die Heimat. Die meisten reisten zu Fuss, gelegentlich zu Pferd oder etappenweise mit dem Schiff. Die legendärsten englischen Wanderer unter ihnen gingen weit über Italien hinaus, oft tausende von Kilometern, Fynes Moryson beispielsweise auf zwei Reisen bis nach Istanbul, das damalige Konstantinopel, und Thomas Coryat auf ebenfalls zwei Fussreisen noch einmal weiter bis ins indische Surat. Dort erkrankte er an Dysenterie und starb, wie so viele unter diesen Weitreisenden, weil sie die fremde Nahrung nicht ertrugen.
Aber es war vor allem Italien, welches das besondere Interesse dieser zahlreichen englischen Weltenbummler erregte. Die ausführlichen Berichte der Zurückgekehrten fanden zu Hause breites Interesse in jener Zeit, die noch keine Massenmedien im heutigen Sinne kannte. Als Multiplikatoren lockten sie dann stets noch mehr Interessierte in den Süden. Die Engländer waren dort bald überall zu sehen. Wir lesen in diesen englischen Berichten, dass beispielsweise Padua, die damals führende Universitätsstadt Europas, von Engländern geradezu wimmelte, so, dass sie sich gegenseitig auf die Nerven und deswegen aus dem Weg gingen, sich auswichen, um dann an neuen Orten wieder auf zahlreiche Landsleute zu stossen, und erneut ausweichen wollten.
Die schwärmerischen Berichte waren ein Stimulus für die zu Hause Gebliebenen, selbst auf Reisen zu gehen, und sie generierten auch ein neues Genre. Nämlich Reiseratgeber, die ausführlich Anweisungen erteilten, wie man sich am besten auf eine Südfahrt vorbereitet, wie man sich im fernen Gastland zu benehmen hat, welche Kleider angemessen sind, welcher Sittenkodex dort gilt, aber auch welche Gefahren dort lauern - unwegsame Gebiete, miserable Strassen, das heisse Klima, die fremde Nahrung, Krankheiten verursacht durch die Hitze, Betrügereien und Gewalt und andere Risiken mehr, die es einzuberechnen galt. Solche Ratgeber (Angaben im Anhang), Vorläufer unserer Reisebücher, halfen den Reiselustigen bei ihrer Planung, und für die Autoren und Drucker wurden sie zum lukrativen Geschäft. Sie waren das exakte Gegenstück zu Gustav Nicolais „Warnungsstimme", mit der er seine Leserschaft von Reisen nach Italien dringend abhalten wollte. Roger Ascham bemerkte im Jahre 1570 in seinem The Scholemaster, in London seien Bücher dieser Art an jeder Ecke zu haben. Reisen wurde ein Gebot der Bildung, wie es Henry Peacham in seinem The Compleat Gentleman (1622) empfahl, und genoss hohes soziales Prestige. Oder wie es der Spötter Thomas Nashe in seinem kunterbunten pikaresken Roman The Unfortunate Traveller 1594 ausdrückt: „(…) he is no body that hath not traueld.“
Englische Warnungen vor Besuchen in Italien
Doch die Stimmung kehrte allmählich. Erste „Warnungsstimmen" waren zu vernehmen, und von Besuchen in Italien wurde zunehmend abgeraten. Der besagte Roger Ascham erklärt in seinem Erziehungsbuch, er sei nur ein Mal in Italien gewesen, und Gott sei gedankt, nur neun Tage. Er hielt sich ausgerechnet in Venedig auf, das in Renaissance England immer mehr zum Sündenpfuhl und Inbegriff aller Laster wurde, insbesondere als Ort der sexuellen Verwilderung, wo sich die jungen Engländer mit Geschlechtskrankheiten ansteckten. Er habe dort nur die übelsten aller Sitten angetroffen:
„And yet I sawe in that litle tyme, in one Citie, more libertie to sinne, than euer I hard tell of in our noble Citie of London in London. ix. yeare.“ (S. 235)
Angekreidet wurde den Zurückgekehrten, dass sie sich unnatürlich und affektiert benehmen würden; sie seien keine Engländer mehr, sondern „Englishmen Italianated", so Roger Asham in seinem Scholemaster. Wie Gustav Nicolai plädieren auch die englischen Skeptiker dafür, die einheimischen Grundwerte hoch zu halten. Die italienischen Sitten seien verwahrlost und hielten einem Vergleich mit den rechtschaffenen englischen nicht stand, vielmehr seien sie zu einer Bedrohung geworden. Dazu kam der ritenreiche, aesthetisierende Katholizismus, von dem sich England getrennt hatte, und der Anlass zur Befürchtung gab, er könnte die jungen englischen Besucher dazu verführen, zurück zum römischen Glauben zu konvertieren. Thomas Nashe beschreibt 1599 in Lenten Stuff stattdessen den nahen Fischerhafen von Yarmouth Town in Norwich. Dieser verspricht im sarkastischen Gegensatz mehr Gewinn als das angestrengte Reisen in die weite Welt, das bloss flüchtig erscheint, als ein angeberisches Getue, eine alberne Attitüde, eine modische Marotte, die keine wertvollen Einsichten erwarten lässt. Die breite Palette angeblicher, unterstellter oder tatsächlicher italienischer Untugenden und Laster tischt Nashe dann in seinem erwähnten Schelmenroman auf; als da sind: die aufgesetzte, selbstgefällige, aber unechte Melancholie, Stolz, Eifersucht, Rachsucht, bis hin zu Verrat und Vergiftung.
Besonders eindrücklich rät dann der anglikanische Bischof Joseph Hall im Jahre 1617 in seiner Abhandlung Quo Vadis? vor Besuchen in Italien ab. Es war, wie der Titel und Untertitel - „A just censure of travel, as it is commonly undertaken by the gentlemen of our nation“ - unmissverständlich machen, eine skeptische, hinterfragende, gar bissige Anklage. Der anglikanische Geistliche warnt vor den Gefahren, die den jungen englischen Reisenden im Süden drohen, und er erläutert akribisch, ja geradezu fieberhaft, die Vor- und Nachteile, den Sinn bzw. aus seiner Sicht vielmehr den Unsinn des Reisens dorthin. Bereits in den ersten Sätzen hält Hall fest, dass das in England so beliebt gewordene Reisen in ferne und fremde Länder ihm zuwider sei, je mehr er diesbezüglich Beobachtungen anstelle („the more I saw, the lesse I liked“). Zweimal sei er im Ausland gewesen, und er müsse jetzt seine Landsleute, die zum Opfer ihrer Neugierde würden („the dangerous issue of their curiosity“, S. 527), vor den Gefahren warnen. Bereits zwei Jahrhunderte vor Gustav Nicolai werden somit Warnungen laut, wenn auch nicht der schrillen und polemischen Art des letzteren. Die Erwartung der Reisenden, sich im Ausland zu bilden, ende, so Hall, nach ihrer Rückkehr leider zu oft in Enttäuschung, in grosser Ernüchterung - „empty of grace and other virtues, as full of words, vanity, and dispositions“ (S. 528), wie er moralisierend festhält. Seine passionierte Anklageschrift muss breit zur Kenntnis genommen worden sein, denn sie wurde in Frankreich auf Französisch und nachher in der Schweiz auf Deutsch übersetzt. Die Problematik erregte die Gemüter offensichtlich über die Grenzen von Grossbritannien hinaus.
Roger Ascham, Thomas Nashe und Joseph Hall sind bloss drei Beispiele englischer Autoren, die eine prononciert negative Sicht auf Reisen in den Süden vertraten und sich darüber lächerlich machten. Es gibt zahlreiche mehr (Beispiele im Anhang).
Und der nun breit gewordene Spott über die unnatürlichen Sitten, welche aus Italien Zurückgekehrte angenommen hätten, wurde dann bald auch im zeitgenössischen Schauspiel zum Thema. In Shakespeares Wie Es Euch Gefällt, beispielsweise, kokettiert Jaques damit, er sei melancholisch geworden, weil er so weit, nach Italien nämlich, gereist sei. Doch damit umgarnt er seine angebetete Rosalind nicht, erntet vielmehr ihren Spott: Er reise in die Ferne, kenne aber das Eigene nicht (Szene IV.1) - ein Vorwurf, den wir bereits von Gustav Nicolai kennen. Sobald sich Jaques natürlich benimmt, schenkt ihm dann Rosalind ihre Gunst.
Neue Aktualität
Die Schriften der Engländer aus dem sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert und Gustav Nicolais Reisebuch aus dem neunzehnten stellten die Frage nach der Sinnhaftigkeit und nach dem Zweck des Reisens. Diese Frage stellt sich heute angesichts jetziger, bedrohlicher Probleme wieder in besonders dringlicher Weise. Die alten Bücher erhalten damit neue Aktualität.
Primärtexte:
Nicolai, Gustav, Italien, wie es wirklich ist. Bericht über eine merkwürdige Reise im Jahre 1833 in den hesperischen Gefilden als Warnungsstimme für alle, welche sich dahin sehnen (Leipzig 1834).
Neudruck: Comino-Verlag Berlin 2016.
Die Verweise beziehen sich auf diese sorgfältig erarbeitete und empfehlenswerte Neuausgabe. Die Illustration auf der Vorderseite könnte nicht treffender sein: Ein Gemeiner Floh (Pulex irritans).
Nashe, Thomas, The Unfortunate Traveller (London 1594).
ds., Nashe's Lenten Stuff (London 1599).
Hall, Joseph, Quo Vadis? A Just Censure of Travell as it is Commonly Undertaken by the Gentlemen of our Nation (London 1617).
Reiseberichte, Reiseanleitungen:
Ascham, Roger, The Scholemaster (London 1570).
Bacon, Francis, On travel (London 1612).
Coryat, Thomas, Coryat's Crudities: Hastily gobled up in Five Moneth's Travels (London 1611).
Dallington, Robert, A Method for Travell. Shewed by taking the view of France. As it stoode in the yeare of our Lord 1598 (London 1606).
Hoby, Thomas, The Travels and Life of Sir Thomas Hoby, Kt. of Bisham Abbey, Written by Himself, 1547-1564 (Rpt. Forgotten Books 2016).
Lassels, Richard, The Voyage of Italy (Paris 1670).
Lewkenor, Samuel, A discourse not altogether vnprofitable, nor vnpleasant for such as are desirous know the situation and customes of forraine cities without trauelling to see (London 1607).
Mortoft, Francis, His Book, Being His Travels Through France and Italy (1658-1659).
Moryson, Fynes, An Itinerary written by Fynes Moryson gent. First in the Latine tongue and then translated by him into English: Containing His Ten Yeeres Travell Throvgh the Twelve Dominions of Germany, Bohmerland, Sweitzerland, Netherland, Denmarke, Poland, Italy, Turky, France, England, Scotland, and Ireland (London 1617).
Palmer, Thomas, Essay of the Meanes and how to make our trauailes more profitable (London 1606).
Thomas, William, The historie of Italie a boke excedyng profitable to be redde: because it intreateth of the astate of many and diuers common weales, how thei haue ,ben, [and] now be gouerned (London 1549).
Turler, Jerome,The traueiler (London 1575).
Warcupp, Edmund, Italy in its original glory, ruine, and revival being an exact survey of the whole geography and history of that famous country, with the adjacent islands of Sicily, Malta, &c. and whatever is remarkable in Rome (the mistress of the world) and all those towns and territories mentioned in antient and modern authors (London 1600).
Zu den englischen Reisenden in Italien im 16. und 17. Jahrhundert, zu den damaligen Sitten, Gewohnheiten, Gepflogenheiten, Annehmlichkeiten und Gefahren des Reisens im Süden:
Schwaller, Hugo, Lucca nello specchio della letteratura 1591-2018 (Dozwil 2025), S. 9-57.
Photos © HMS, SCC


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