BENIMMBÜCHER
- hugo2825
- 8. Apr.
- 10 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 19. Apr.
Von der italienischen Renaissance über die englische bis heute
1. Il Cortegiano - Der Hofmann
In der Renaissance erwachte das Interesse am Einzelnen, am Individuum, an seinen Fähigkeiten und Möglichkeiten, die ihm das Leben bietet, und die er und - auch dies ist ebenfalls wesentlich neu - sie zur vollen Entfaltung nutzen sollen. Die erstrebenswerte Persönlichkeitsentwicklung, das Ideal eines Höflings, seine Erziehung, Bildung, seine Umgangsformen, beschrieb in dieser umfassenden Weise wahrscheinlich als erster Baldassare Castiglione in seinem Il Libro del Cortegiano, erschienen 1528 in Venedig (Deutsch: Das Buch vom Hofmann). Castiglione aus Mantua war selber Angehöriger einer adeligen Familie. Als Höfling war er im diplomatischen Dienst der Gonzago, des dortigen Herrschergeschlechts.
Schauplatz seines Benimmbuchs ist der Hof von Urbino, wo sich die Gesellschaft zur abendlichen Unterhaltung trifft. Castiglione wählte eine lebhafte Erzählform; das Geschehen vollzieht sich in Dialogen. Wie in Boccacios Decamerone tauschen sich die Höflinge über die Feinheiten des Lebens aus - im Decamerone sind es zehn Tage, im Cortegiano vier -, über die geschliffenen Manieren, Staatsgeschäfte, über die Schönheit der Frauen, die Eleganz der Männer, die Kultur in all ihren Erscheinungen und, wie könnte es anders sein, über die Liebe. Und hier fehlt es an Lockerheit, gar Frivolität oft nicht. Castiglione lässt die Lebensfreude seiner Zeit aufleben. Es ist die sprezzatura, die leichte, mühelose und unbeschwerte Eleganz, die er zum Ideal erhebt. Sie ist bis heute grundlegend für das Lebensgefühl in Italien geblieben, auch wenn der Begriff der sprezzatura im alltäglichen Italienisch in diesem Sinne kaum mehr gebraucht wird.
Castiglione gliedert seine so lehrreiche wie unterhaltsame Fibel in vier Teile: „Das erste Buch vom Hofmann“, das zweite, das dritte und das vierte. Diese Teile bestehen wiederum aus zahlreichen kurzen Unterkapiteln. Die Erzählweise ist mäandrisch; neue Themen kommen hinzu, andere werden wieder aufgenommen und variiert. Dies ermöglicht eine freie Wahl, einen beliebigen Einstieg in eines der zahlreichen Kapitel und verspricht so einen leichten Zugang zu dieser anregenden Lektüre.
Welch hoher Stellenwert Castigliones Konversationsbuch über die Schönheiten am Hof und die Qualitäten des Lebens allgemein zukommt, sprach Torquato Tasso aus. Sein Werk sei einzigartig und unvergänglich (wie auf dem Umschlag der deutschen Ausgabe aufgeführt wird; übersetzt und erläutert von Fritz Baumgart, Nachwort Roger Willemsen).
Il Libro del Cortegiano gehört zu den wichtigen Werken der Hochrenaissance, weil es die Lebensweise und Sitten jener Zeit wie kaum ein anderes nahe bringt. Das Buch ist im Verlauf der Jahrhunderte immer wieder neu gedruckt worden, was Ausdruck seiner anhaltenden Qualität ist.
2. Italienische Benimmbücher in der Nachfolge von Castigliones Hofmann
In Italien folgten bald weitere Autoren mit ebenfalls erfolgreichen Werken, die, nach dem Muster von Baldassare Castiglione gestaltet, die persönliche Entfaltung des von allen Fesseln befreiten Renaissancemenschen thematisierten. Sie wurden zu einer literarischen Modeerscheinung der Zeit, beispielsweise:
Giovanni della Casa, Il Galateo ovvero de’ costumi (Venezia 1558; Deutsch: Der Galateo oder von den Sitten. In der Übersetzung von Michael Rumpf (Manutius Verlag Heidelberg 1988).
Giovanni della Casa war ein Kleriker aus der Toskana, der es bis nach Rom an den päpstlichen Hof schaffte. Sein Buch erscheint als ein Nebenprodukt seiner erfolgreichen Karriere. Er handelt Themen ab wie beispielsweise: „Vom Nutzen des guten Benehmens“, „Über das Erzählen von Witzen“, „Von angemessener Kleidung“, „Regeln für wohlgesetztes Reden“, „Harmonie als Ideal“, „Über Meckerer und Rauhbeine“ und etliche Thematiken mehr.
Annibale Romei, Discorsi del conte Annibale Romei gentil'huomo ferrarese divisi in sette giornate (Venezia 1585; Ferrara 1586).
Der Autor, ein Graf aus Ferrara, lehnt sich auffallend eng an Castiglione an. Als Erzählweise wählt auch er den Dialog, und das Geschehen vollzieht sich in sieben Tagen (vier bei Castiglione), was bereits aus dem Titel des Werks hervorgeht. Wie bei Castiglione in Urbino unterhält sich Romeis Gemeinschaft am Hof von Ferrara über Schönheit, Eleganz, Liebe, Ehre, auch über das Duellieren zwecks Erlangung von Satisfaktion und über weitere aristokratische Lebensformen.
Alvise Cornaro, Discorsi intorno alla vita sobria (erfolgreich und deswegen mehrmals neu gedruckt: Padua 1558, 1561, 1563, 1565 (Deutsch: Vom massvollen Leben. Mit einem Vorwort von Klaus Bergdolt. Manutius Verlag, Heidelberg 1991).
Alvise Cornaro ist ein interessanter und origineller, aber heute leider weitgehend vergessener Autor, und seine Abhandlung ist nicht breit bekannt, weshalb sie hier besondere Beachtung verdient. Der vielseitig gebildete Humanist aus der Toskana empfiehlt in seiner autobiographischen Altersschrift - die er, wie er aussagt, im Alter von dreiundachtzig Jahren geschrieben habe - den Sinn eines massvollen Lebens, in der Ernährung, im Umgang mit anderen Menschen, mit den eigenen Veranlagungen, dem eigenen Gemüt, mit „Hass und Schwermut und anderen unordentlichen Gemütsbewegungen“ (S. 41), bis hin zum zu schnellen Fahren in der Kutsche. Ratgeber dieser Art gab es zwar seit dem Mittelalter, und doch ist Cornaros Denken spezifisch im Geist der Renaissance verwurzelt. Er beruft sich wiederholt auf Galens Lehre von den vier Typen der humores, den Sanguiniker, Choleriker, Phlegmatiker und Melancholiker, die zu seiner Zeit und später in der englischen Renaissance eine wichtige Rolle spielte (in den Schauspielen von Shakespeare und anderen Dramaturgen seiner Zeit, beispielsweise, oder in Robert Burtons The Anatomy of Melancholy). Selber sei er mit viel gelber Galle geboren worden und neige deswegen zum Jähzorn, den er stets bekämpfen müsse, wie er eingesteht (S 66).
Die Medizin, und der damit verbundene Forschergeist, war ein Element im Bildungskanon der Renaissance. Die gute Gesundheit und die Schönheit, die Cornaro bespricht und bewundert, und die es ohne die von ihm gepriesene moderatio, aller Unmässigkeit und Schwelgerei entgegenwirkend, nicht geben kann, haben ihren festen Platz in den Verhaltensbüchern seiner Zeit.
Wo andere als Folge ihrer Exzesse schon im frühen Alter dahingerafft werden, wie Cornaro wiederholt beklagt, erreichte er das damals besonders biblische Alter von hundert Jahren. Im Brief seiner Grossenkelin, einer Nonne aus Padua, welcher der schönen deutschen Übersetzung beigegeben ist, lesen wir, dass Cornaro bis an sein Lebensende frisch, gesund und lebhaft gewesen sei und nie eine Brille oder eine andere Sehhilfe benötig habe. Dazu sei seine Stimme hell und stark geblieben; „dass er in der letzten Zeit seines Lebens noch so hübsch und rein sang wie er es in seinem fünfundzwanzigsten Jahr getan hatte“ (S. 103).
Cornaro lässt seinem Ratgeber zwei Anhänge zur Thematik folgen, die er weislich kurz fasst: „denn eine lange Abhandlung findet nur wenige Leser, eine kurze aber viele“ (S. 78).
Sein Verhaltensbuch ist reich und hat seine Gültigkeit für uns Heutige bewahrt.
3. Englische Benimmbücher in der Nachfolge von Castigliones Hofmann
Die englische Renaissance folgte der italienischen, im Zeitraum von circa 1350 bis 1600, ab dem mittleren fünfzehnten Jahrhundert, somit etwa zweihundert Jahre später. Zahlreich waren die Inselländer, die nach Italien reisten und sich dort inspirieren liessen. Und damit erklärt sich weitgehend auch die intensive Rezeption der italienischen Benimmbücher in England.
Eine englische Übersetzung von Castigliones Il Cortegiano verfasste der Höfling und Diplomat….
Sir Thomas Hoby, The Courtyer of Count Baldessar Castilio (London 1561).
Prägend wie Castigliones Original für Italien war auch Hobys Übersetzung für das elisabethanische England.
Übertragen wurden auch die Werke von Giovanni della Casa durch
Robert Peterson, Il Galateo of Maister Iohn Dell Casa (London 1576).
Peterson bezeichnet den Galateo einleitend als A Treatise of the Manners and Behaviours.
und von Annibale Romei durch
John Keper, The Courtier’s Academie (London 1598).
John Keper - in seiner Übertragung mit I. K. aufgeführt, und über den weiter nichts in Erfahrung zu bringen ist - übersetzte die verschiedenen Seiten der vornehmen Persönlichkeitsgenese, wie er sie im Original von Romeis I discorsi vorfand, beispielsweise: “Of beautie,“ “Of humane loue“, “Of honour“, “Of combate“, “Of nobilitie“, “Of riches“, “Of precedence of letters or armes“.
Das englische Schlüsselwerk dieser Gattung verfasste etwas später der Höfling Henry Peacham der Jüngere mit den Lebensdaten 1578-?1644.
Henry Peacham, The Compleat Gentleman (London 1622).
Sein Manierenbuch steht in der Tradition von Castigliones Il Cortegiano und dessen italienischen und englischen Nachfolgern, wie bereits der Untertitel aussagt:
“Fashioning him absolute in the most necessary Commendable Qualities concerning Minde or Bodie that may be required in a Noble Gentleman.“
Wie diese bespricht Peacham die erstrebenswerten Tugenden eines jungen Edelmannes, beispielsweise “Of the dignity and necessity of Learning in Princes and Nobility“, “Of stile in speaking, writing, and reading History“, “Of Poetry“, “Of Musick“, “Of Exercise of Body“ oder “Of Reputation and carriage“.
In der Zwischenzeit war in England das grosse Reisefieber ausgebrochen. Neu ist bei Peacham, dass er dem Reisen gegen Ende seines Traktates ein eigenes und auch längeres Kapitel einräumt, “Of Travaile“. Es ist ein Zeichen dafür, dass die bisherigen Tugenden um eine zusätzliche erweitert werden. Erfahrungen im Ausland und Kenntnisse fremder Sprachen sind die Anforderungen, die neu hinzukommen, und die Henry Peacham den jungen englischen Edelmännern auf dem Weg zu ihrer perfekten harmonischen Bildung empfiehlt. Das zur damaligen Zeit viel gepriesene Reisen fand damit auch Eingang in den Tugendkatalog des Benimmbuches.
Skeptiker lässt Peacham nicht gelten. Gemäss dem „Law of Nature“ könnten auch ungebildete und unerfahrene Leute, die zu Hause bleiben müssten, von Reisenden nur profitieren.
Er ermahnt die jungen Höflinge, sich im Ausland gut zu benehmen, den anglikanischen Glauben hoch zu halten und warnt vor den Gefahren des fremden Essens und vor Geschlechtskrankheiten. Venedig galt in der englischen Renaissance als die Stadt der ultimativen Verheissung, war aber auch bekannt als Schandpfahl, als Ort des Lasters, dort wo sich die englischen Edelmänner mit venerischen Krankheiten, insbesondere der Syphilis, ansteckten und sie dann zu Hause verbreiteten - was hinwieder zunehmend Stimmen gegen das Reisen laut werden liess. Zahlreich sind die Anspielungen darauf in den Theaterstücken der Zeit. Und junge Reisende sollen die Sprache des Gastlandes kennen; Peacham empfiehlt dazu Grammatikbücher (“To help you in conjugating your verbes (…) a Grammer of that Language“), von denen zwischenzeitlich etliche auf dem englischen Markt erhältlich waren (beispielsweise: William Thomas, Principal Rules of the Italian Grammer with a Dictionarie for the Better Understanding of Boccace, Petrarca and Dante, London 1550, oder John Florio, A World of Wordes, London 1598).
Peachams Ratschläge und Warnungen sind nicht neu, und sie sind auch nicht alle besonders originell. Sie finden sich bereits in etlichen Büchern vor und zu seiner Zeit, die sich für oder gegen das Reisen aussprechen. Summarisch und eklektisch ist auch die Art und Weise, wie Peacham sein Reisekapitel zu Ende führt. Er empfiehlt den Höflingen zwei europäische Staaten als Reiseziele, Frankreich und Spanien, und bedient sich dabei offensichtlich verbreiteter Stereotyen: Die Franzosen seien “of the noblest and better sort, generally free and courteous“; sie seien tapfer und gute Fechter, Tänzer, Jäger, Reiter, aber mit “little esteem of Learning and gifts of the mind (…) quick witted (...) and generally light and inconstant“. Ihr Essen sei weniger gut und reichhaltig als dasjenige der Engländer.
Im letzten Teil lässt Peacham Empfehlungen zu Städten, Gegenden und Sehenswürdigkeiten in Frankreich folgen. Er nennt den Louvre, Blois, Fontainebleau, Amboise, Tours, Boulogne, Vincennes und weitere Destinationen. Peacham muss all diese Orte nicht zwingend selbst bereist haben. Er könnte Beschreibungen dazu in Reiseratgebern der Zeit genutzt haben, die, als weitere Modeerscheinung, zwischenzeitlich überall erhältlich waren.
Ähnlich schematisch fallen auch seine Empfehlungen zu Spanien aus. Wegen der grossen Hitze gebe es dort, wie er ausführt, keine grünen Gebiete, dafür viel Weinreben und Oliven. Und auch hier wartet Peacham mit einigen amüsierlichen Clichés und Vorurteilen auf, beispielsweise mit dem Bild des stolzen Spaniers: Dass die spanische Bevölkerung “by nature generally proud und haughty“, aber dennoch angenehm freundlich (“very civill“) sei. Die schwarzhaarigen und klein gewachsenen Spanierinnen seien hübsch, redegewandt und stets sehr gut gekleidet; fürwahr, sehr anziehend seien sie für die fremdem Edelleute aus England. Wer möchte dies bezweifeln.
Wie er abschliessend feststellt, seien seine Ratschläge nur “a tast, how and what especially to observe in your travell“. Auf Italien, Deutschland und weitere Länder wolle er bewusst gar nicht erst eingehen; diese Länder seien “by Master Sands and others“ (ein offensichtlicher Verweis auf die damals breit bekannte und mehrmals neu gedruckte Reisebeschreibung von George Sandys, Relation of a Journey begun An:Dom: 1610) bereits reich beschrieben worden, und er empfehle seiner Leserschaft diese Werke.
Ohne den originellen englischen wit ist Peacham allerdings nicht. Beispielsweise verzichtet er mit der folgenden Begründung auf eine topographische Beschreibung von Frankreich: “beside, I remember I am to write only one Chapter, not a Volume“.
Dass er dieses Kapitel so ausführlich in sein Benimmbuch aufgenommen hat, zeigt, wie wichtig das Reisen in fremde Länder und die Kenntnisse von Fremdsprachen für die Bildung und den Verhaltenskodex der jungen englischen Höflinge geworden war.
Dazu:
Peacham’s Compleat Gentleman, 1634 (Forgotten Books, London 2018).
Online auf der Datenbank der Universität Heidelberg:
Keith Thomas, In Pursuit of Civility. Manners and Civilization in Early Modern England (New Haven and London 2018)
Der Hinweis auf dieses hervorragende Werk kommt von Herrn Dr. phil. habil. Till Kinzel. Thanks a milllion!
4. Weitere Abhandlungen bis zur Gegenwart
Sucht man nach Benimmbüchern und Verhaltenskodexen bis in unsere Zeit, so fährt man nicht reiche Ernte ein. Zahlreich sind zwar Ratgeber, die Vorschriften und Regeln statuieren, welche helfen sollen, den Alltag gut zu meistern und die gesellschaftliche Blamage zu vermeiden. Interessant sind sie, und verbindliche Gültigkeit erlangen sie aber erst dann, wenn sie kulturell und historisch verankert, gesellschaftlich, anthropologisch fundiert und gefestigt sind.
Adolph Freiherr Knigge, Über den Umgang mit Menschen
Eines der wenigen Werke, das diesen Anspruch erfüllt, ist Adolph Freiherr Knigges Über den Umgang mit Menschen, erstmals erschienen 1788. Wer sein Buch liest, wird schnell gewahr, dass es weit mehr ist als ein biederes, vulgo: spiessbürgerliches Konvolut mit starren Anstandsregeln - wofür Knigges Werk auch heute noch breit gehalten wird, indes eben fälschlicherweise, zu Unrecht.
Knigge war ein deutscher Aufklärer durch und durch. Er war begeistert von der französischen Revolution und überzeugter Fürsprecher einer anbrechenden demokratischen Neuordnung. Leblose, versteinerte Formen entsprachen seinem Denken nicht, weswegen er an verschiedenen Höfen nicht heimisch wurde und wegen Unstimmigkeiten sogar bei Nacht und Nebel Reissaus nahm. Wie weit er sich vom höfischen Leben entfernt hatte, zeigt seine juristische Auseinandersetzung mit dem Schweizer Hofrat und Arzt des englischen Königs in Hannover, Johann Georg Zimmermann, der ihn als Revolutionär und Volksaufwiegler anklagte.
Knigge schrieb kein Etikettenbuch. Ihm lag nicht an äusseren, starr verordneten Verhaltensregeln, vielmehr am Umgang des Einzelnen mit sich selbst (Zweites Kapitel) und der Menschen verschiedener Herkunft und Standeszugehörigkeit untereinander (Drittes Kapitel). Sein Denken fusst auf seiner eigenen Lebenserfahrung und ist soziologisch und psychologisch von hohem Aussagewert, noch bevor es diese beiden Disziplinen im heutigen wissenschaftlichen Sinne überhaupt gab. Auch was strukturelle gesellschaftliche Unterschiede betrifft, nahm er eine differenzierte Haltung ein. Er war damit ebenfalls seiner Zeit voraus.
Wichtig ist somit festzuhalten, dass Knigge gleichsam das Lager gewechselt hatte, er nicht mehr für die Angehörigen der höfischen Klasse sondern für das aufstrebende Bürgertum sprach.
Dazu weiterführend: das Nachwort in der Ausgabe Reclam (Ost).
Asfa-Wossen Asserate, Manieren (2003)
Er beabsichtige ausdrücklich nicht, Regeln zu Manieren zu geben, er wolle kein arbiter elegantiarum sein, betont der Autor in seiner Einleitung mehrmals. Fixe Regeln hätte sich weitgehend aufgelöst, doch gebe es im Dauerwandel der Gesellschaft auch Konstanten. Er bespricht eine Vielzahl von Tugenden (z. B. bei Tisch, Aufmerksamkeit, Loben, Geschenke) und Untugenden (Vulgarität, Grobiansmus, Nachlässigkeit), verabreicht dabei aber keine Regeln. Vielmehr macht er menschliche Verhaltensmuster kulturell und historisch begreifbar, verständlich und lässt uns so deren tief verankerten Sinn erkennen. Das Buch bezeichnet sich auf dem Umschlag treffend als eine Ethnologie der Umgangsformen.
So interessant wie sein Werk ist auch die Biographie des Autors. Asfa-Wossen Asserate ist ein äthiopischer Prinz, und Kaiser Haile Selassie war sein Grossonkel, wie in der Einleitung zu lesen ist. Nach dessen Absetzung floh er nach Deutschland; dort studierte er Geschichte bis zur Promotion. Nach Jahrzehnten in Deutschland sieht er das Land und seine Sitten als Deutscher, der er geworden ist. Ein zusätzlicher Reiz seiner erkenntnisreichen und überdies einnehmend elegant geschriebenen Betrachtungen ist, dass auch die Sichtweise von Aussen, des gebürtigen Äthiopiers, durchschimmert, objektivierend, relativierend, vergleichend, was eine subtile Bereicherung ist. Interessierte finden Beispiele dafür in den Kapiteln zur Ehre, zum „Versuch über den Herrn“, zu „Mode & Zeitstil“ - tatsächlich in jedem einzelnen Kapitel. Dazu stellt der Autor über das ganze Buch interessante Bezüge her zu gleichsam jedem Kulturkreis weltweit.
Manieren ist sehr viel mehr als der Titel des Buches könnte vermuten lassen: Asfa-Wossen Asserate ist es gelungen, ausgehend von unseren Sitten eine reiche und gelehrte Kulturgeschichte zu schreiben.
Manieren sind heute bedauerlicherweise oft Zufall. Und das macht Asfa-Wossen Asserates Studie zum besonders wertvollen Glücksfall.

Ein von Asfa-Wossen Asserate signiertes Exemplar von Manieren.


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