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Keine wichtigen britischen Komponistinnen und Komponisten über die Jahrhunderte?Doch, es gibt sie, zuhauf!


Gezeichnete britische Flagge am Mast über Notenlinien, rot-blau-weiß, auf hellem Papier.

Illustration © Melanie Lauchenauer (M. L.)


Anlass hierfür ist die gehörte Aussage, es gebe keine wichtigen, keine „wirklich guten“ englischen Komponistinnen und Komponisten. Dies ist absurd. Der Musik kommt im Vereinigten Königreich grosse Wichtigkeit zu. Das musikalische Erbe wird dort mit Chören und Orchestern bereits an den Schulen in weit höherem Masse als auf dem europäischen Festland gepflegt. Die Musik erreicht in Grossbritannien seit Jahrhunderten immer wieder neue Blüten und lässt neue Meisterwerke entstehen, über die verschiedenen Epochen, in verschiedenen Stilrichtungen. Es trifft zwar zu, dass zahlreiche britische Komponistinnen und Komponisten in Europa wenig bekannt oder sogar nahezu unbekannt sind. Dies deutet aber nicht auf einen Makel des britischen Musikschaffens hin, ist wohl eher ein Zeichen mangelnder kontinentaleuropäischer Wahrnehmung. Man bedenke: Franzosen, Italiener, Deutsche, Spanier, Österreicher, die Nationen auf dem Festland, sind sich geographisch nahe; Grossbritannien ist eine Insel, was auch trennend sein kann.


Wenn im Folgenden der obigen Aussage gleichsam beweispflichtig widersprochen wird, sollen jene Komponisten aus Grossbritannien ausgelassen werden, die allgemein bekannt sind: Henry Purcell, Georg Friedrich Händel (er wurde Engländer), der beinahe Engländer Joseph Haydn, Ralph Vaughan Williams, Benjamin Britten oder Edward Elgar - wobei bereits sie die angeführte Behauptung Lügen strafen würden. Das besondere Interesse gilt für einmal jenen, die auf dem Kontinent weniger Beachtung gefunden haben. Und gerade dies lässt, wie sich zeigen wird, das Bild noch einmal reicher erscheinen.  



Auf dem Weg zum Goldenen Zeitalter unter Königin Elisabeth I.


Im ausgehenden Mittelalter und in der Renaissance in England, vom späten vierzehnten bis zum frühen siebzehnten Jahrhundert, entstanden einheimische Werke von einer Welthaltigkeit, die sich nur mit den Allerbesten aus der vorangegangenen italienischen Renaissance messen lassen, von Claudio Monteverdi, den beiden Gabrieli, Palaestrina, Gesualdo und weiteren Zeitgenossen. Der Weg der englischen Komponisten auf zu künstlerischen Höhepunkten setzte früh ein, und insbesondere die sakrale Musik wurde intensiv gepflegt. Wir nennen als Wegbereiter ab der Zeit der Tudors, unter Heinrich VII. und dessen Nachfolge, Robert Fayrfax (1464–1521), William Cornysh (1468-1523), Nicholas Ludford (1485–1557), John Taverner (1490-1545, seine Western Wind Mass, die als Novum eine Verbindung zwischen geistlicher und britisch folkloristischer Musik eingeht), John Sheppard (1515-1558) oder Christopher Tye (1505-1572). Ihre Messen waren noch weitgehend im katholischen, prä-anglikanischen Ritus gehalten und auf lateinisch gesungen. 


Unter Königin Elisabeth I. (1558 bis 1603) wurde diese musikalische Tradition weiterentwickelt. Robert Parsons (1535-1572), Thomas Tomkins (1572-1656) und weitere Komponisten schufen Kirchenmusik der unterschiedlichen Art, Messen, Motetten, Psalme, in England allgemein als Cathedral Music bezeichnet. 


Besondere Wichtigkeit kommt dem Schaffen von



Thomas Tallis (1505-1585)


zu. Seine lateinischen Motetten, insbesondere Spem in Alium für vierzig Stimmen, sprengten alle Grenzen der Vokalmusik. Seit der Abspaltung der englischen Kirche von Rom im Jahr 1534 wurde der lateinische, als ausgeprägt katholisch empfundene Kirchengesang aber je länger je unerwünschter, und die englische Sprache wurde zum Gebot erhoben. Das englisch gesungene Anthem löste allmählich die katholische Motette ab, was mit Werken von Thomas Weelkes, Robert Parsons, John Amner und zahlreichen weiteren Komponisten auch zur Geburtsstunde einer neuen Gattung der geistlichen Vokalmusik wurde. Thomas Tallis fügte sich dieser sprachlichen Forderung der jungen anglikanischen Kirche mindestens teilweise; seine Lamentations of Jeremiah hielt er dann in englischer Sprache. 


Keine Anpassung an die politischen und religiösen Umwälzungen seiner Zeit zeigte sein Schüler



William Byrd (1543-1623).


Er huldigte seinem verehrten Lehrer in seiner Elegy on the Death of Thomas Tallis, in der er mit grosser Trauer die bewegenden Verse ausspricht:


"Ye sacred Muses, race of Jove, whom Music's lore delighteth,

Come down from crystal heav'ns above, to earth where sorrow dwelleth,

In mourning weeds, with tears in eyes:

Tallis is dead, and Music dies."


Byrd sollte dann seinen Lehrer überragen. Mit einem überlieferten riesigen Oeuvre von mehreren hundert Werken avancierte er zum Vater der englischen Kirchenmusik. Anders als sein Master Tallis blieb Byrd seinem katholischen Glauben treu und komponierte weiterhin für die katholische Liturgie und in lateinischer Sprache. Nach der offiziellen Trennung der englischen Kirche von der römisch-katholischen und in der Folge während der Zeit des englischen Glaubenskriegs war dies hoch riskant. Doch die den Künsten zugewandte Königin Elisabeth I. liess William Byrd gewähren. Seine Musik galt als heavenly und divine, und der Komponist damit als unantastbar, wogegen der andere katholische Musiker Peter Philips sich in Kontinentaleuropa in Sicherheit bringen musste, um religiöser Verfolgung zu entgehen. Dem Beispiel von Byrds ergreifender, monumentaler Messe, seines The Great Service, eiferten andere Kirchenmusiker der Zeit nach, Thomas Tomkins oder Thomas Weelkes. Den hohen Gehalt und die Erhabenheit von Byrds sakraler Musik erreichten sie aber nicht.    


Unter Elisabeth I. und ab 1603 unter ihrem Nachfolger Jakob I. gelangte dann auch die



weltliche Musik der englischen Renaissance 


zu ihrer höchsten Blüte. Thomas Morley, Anthony Holborne, Orlando Gibbons, Giles Farnaby - zu zahlreich sind sie, um  alle genannt zu werden, obwohl sie es verdienen würden - komponierten die beliebten, volksnah sinnenfreudigen Madrigals und gestalteten das Vorbild des italienischen Madrigale kunstvoll zu einer inselländischen Variante um.


Im Instrumentalbereich schuf die grosse Schar der Komponisten die so bezeichnete Consort Music (d. h. für nur eine Instrumentengattung, z. B. für Streicher) oder Broken Consort Music (für mehrere solche, gemischtes Consort, z. B. für Streicher und Bläser). Lautenisten wie John Dowland, Anthony Holborne, Daniel Batchelar, Robert Johnson und andere mehr huldigten mit ihren Kompositionen dem damals modischen Lebensgefühl der „sweete melancholie“.


© M. L.


Welch hohe Kunst diese Komponisten schufen, zeigt sich darin, dass ihre Messen, Motetten, Anthems, Madrigals, ihre Instrumentalmusik bis heute von den besten Interpretinnen und Interpreten mit hoher Passion eingespielt und sie insbesondere in Grossbritannien bevorzugt werkgetreu rege aufgeführt werden.  


Wenden wir den Blick jetzt auf die englischen Komponisten von der



Spätrenaissance bis zum Barock. 


Die Theatermusik - die incidental music oder Deutsch seltener: die Inzidenzmusik - und die Orchestermusik gewinnen an Bedeutung. Orlando Gibbons ist mit seinem vielfältigen geistlichen und weltlichen Werk ein Komponist des Überganges. Neben der alles überragenden Figur des Henry Purcell (1659-1695) tritt John Blow (1649-1708) hervor. Er schuf mit Venus und Adonis eines der vollkommensten höfischen Maskenspiele - masques: ein Genre, das dann zunehmend von der Oper abgelöst wurde. Matthew Locke (1621-1677) schrieb Bühnenmusik für das Theater (z. B. für Shakespeares The Tempest und Macbeth).


Die Instrumental-, insbesondere Gambenmusik bestimmte das inselländische Schaffen, beispielsweise von William Lawes, Jeremiah Clarke (The Prince of Denmark’s March) oder Christopher Simpson. Wir begegnen hier einmal mehr Komponisten, die ausserhalb von Grossbritannien kaum wahrgenommen worden sind, in ihrer Heimat aber auch heute zum grundlegenden musikalischen Selbstverständnis gehören. 



Komponisten des 18. Jahrhunderts - der Einfluss der Kontinentaleuropäer


London war zu einer wirtschaftlich florierenden Großstadt herangewachsen. Und damit blühten auch die Künste auf. Händel und Haydn zog es nach England. Wurden die einheimischen Musiker dadurch an den Rand gedrängt, gar verdrängt? Bei Lichte besehen: durchaus nicht.


Bis zur frühen Klassik erstarkte nämlich beobachtbar auch das Schaffen der einheimischen Komponisten weiter. Etwa von Thomas Arne (1710–1778) mit seiner vielfältigen Vokalmusik, seinen Bühnenwerken, Maskenspielen, Opern und Symphonien. Und die so gefälligen Eight Symphonies von William Boyce (1711-1779) werden auch heute in der Sammlung von musikalisch Interessierten kaum fehlen.


Und wieder lassen sich versteckte Perlen finden, beispielsweise die vom italienischen Geist inspirierten Concerti Grossi von Charles Avison (1709–1770) aus Newcastle und von Richard Mudge (1718–1763), einem Pfarrer aus der Nähe von Birmingham. Das Werk des Letzteren ist unlängst wiederentdeckt worden, insbesondere in der Schweiz: Das Barockorchester Capriccio Basel unter Dominik Kiefer spielte im Jahre 2008 seine Six Concertos in Seven Parts ein, und ihre so gelungene Aufnahme wird vom kompetenten nationalen Schweizer Sender Radio Swiss Classic immer wieder gewürdigt, gespielt. 


© M. L.


Das 19. Jahrhundert: Ruhepause und neue Blüte


In der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts gingen die wesentlichen musikalischen Impulse nicht vom Inland, von Grossbritannien selbst aus, sondern von den Metropolen auf dem europäischen Festland. Die Opern in Italien, Frankreich und Deutschland als neue Gattung, Verdi und andere Komponisten dieses Genres, bestimmten den musikalischen Zeitgeist. Aber das Inselreich erwachte in der zweite Hälfte des Jahrhunderts aus seinem, musikgeschichtlich gesehen kurzen Schlaf und machte das Versäumte binnen Kurzem mehr als wett.


Neben dem übermächtigen Edward Elgar, an der Schwelle zum zwanzigsten Jahrhundert, gibt es viel autochthones Schaffen der höchsten künstlerischen Qualität zu entdecken: Arthur Sullivan (1842–1900) mit seinen komischen Opern (z. B. The Mikado), seinen leider wenig bekannten Symphonien und seiner Kirchen- und Inzidenzmusik. Hubert Parry (1848–1918) verdanken wir etliche Symphonien, Orchester- und Chorwerke. Seine Vertonung von William Blakes Gedicht Jerusalem ist zur inoffiziellen englischen Nationalhymne geworden. Auch Charles Villiers Stanford (1852–1924, ein Ire aus Dublin) hinterlässt ein vielfältiges und interessantes Werk, darunter Opern, Symphonien, Chor- und Orchesterwerke, Kammermusik. Christopher Wilson (1874-1919) schuf reiche Schauspielmusik, zahlreich zu Shakespeares Schauspielen. William Sterndale Bennett (1816–1875), Samuel Sebastian Wesley (1810–1876), George Alexander Macfarren (1813–1887), Cipriani Potter (1792-1871) und Granville Bantock (1868-1946) rücken in die Richtung der musikalischen Romantik. Die Theatermusik des letzteren zu Macbeth oder sein The braes o’Tullymet. Scenes from the Scottish Highlands seien hier besonders hervorgehoben.


Wie Granville Bantock steht auch Frederick Delius (1862-1934) am Übergang zum zwanzigsten Jahrhundert. Synaesthetisch hören wir die englische Landschaft aus seiner einzigartigen Musik heraus, beispielsweise in Summer Landscape, den English Songs nach Percy Bysshe Shelley, oder in On Hearing the First Cuckoo in Spring. Es sind Meisterwerke, die in seiner Heimat oft gespielt werden, ausserhalb derselben aber einmal mehr nicht auf gleiches Interesse gestossen sind. Doch hört man solche Musik - wie kann man sagen, es gebe keine grossen britischen Komponistinnen und Komponisten?


Immer prominenter treten jetzt die Britinnen hervor. Alice Mary Smith (1839–1884) gilt als die erste Engländerin, die eine Symphonie komponierte. Ihr Gesamtwerk ist beeindruckend; es umfasst Kammer-, Bühnen- und Klaviermusik und weiteres mehr. Wie zunehmend gewichtig die Komponistinnen im britischen Musikschaffen wurden, zeigen auch Sophia Dussek (1775–1831), Mary Anne A’Beckett (1817–1863) oder Harriet Abrams (1760–1821). Zu ihren interessanten Biografien sei auf die Beiträge in Wikipedia verwiesen.

Sie alle mögen auf den ersten Blick als Minores erscheinen, haben aber tatsächlich ein kreatives und vielfältiges Werk geschaffen. Dieses kann hier nicht weiter besprochen werden, zeigt jedoch, wie farbig die musikalische Landschaft in Grossbritannien in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war.


Und wie auf der Insel bereichern jetzt auch auf dem europäischen Festland mehr und mehr die Frauen die Musik, denken wir an Clara Schumann, Fanny Hensel, die Schwester von Felix Mendelssohn Bartholdy, Anna Amalia von Braunschweig-Wolfenbüttel und Herzogin von Sachsen-Weimar und Eisenach, Caroline Schleicher-Kraemer oder Helene Liebmann. 



Innovation und neue Selbstfindung im zwanzigsten Jahrhundert und bis zur Gegenwart


Die hohe Kreativität im zweiten Teil des neunzehnten setzt sich im zwanzigsten Jahrhundert auf eindrückliche Weise fort. Grossbritannien findet, einmal mehr, neue, eigenständige musikalische Ausdrucksformen. Neben global bekannten Komponisten wie Benjamin Britten, Gustav Holst und Ralph Vaughan Williams faszinieren zahlreiche andere, beispielsweise William Walton (1902–1983) mit seinem umfangreichen Werk, komponiert gleichsam in allen Ausrichtungen; Michael Tippetts (1905–1998) Oratorium A Child of Our Time, das die Sinnlosigkeit des Krieges anprangert, und das weitere breit gespannte Schaffen dieses pazifistischen intellektuellen Musikers; dann die Avantgardisten Peter Maxwell Davies, Harrison Birtwistle, John Tavener oder Brian Ferneyhough.


Und wie im neunzehnten ist auch im zwanzigsten Jahrhundert und bis auf die heutige Zeit der Beitrag der britischen Komponistinnen anhaltend namhaft. Ihr Anteil am britischen Musikschaffen ist auffallend hoch, unter ihnen Ethel Smyth (1858–1944), Rebecca Clarke (1886–1979), Elizabeth Maconchy (1907–1994), Dorothy Howell (1898–1982) oder Elisabeth Lutyens (1906–1983). Interessierte werden recherchieren können, dass sie mit ihrer Musik in unterschiedlichem Ausmass auch soziale Anliegen verbanden oder sich für Frauenrechte einsetzten. Und dass ihr vielfältiges Schaffen von jungen und jüngeren britischen Komponistinnen unserer Zeit fortgeführt wird, etwa von Judith Weir, Nicola LeFanu, Sally Beamish und anderen mehr.


Künstlerisch innovativ und überdies oft sozial engagiert widerlegen auch sie die Aussage ad absurdum, es gebe keine namhaften Komponistinnen und Komponisten in der englischen Musikgeschichte.




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