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THEODOR LESSING: Ein Vorkämpfer gegen die akustische Umweltverschmutzung

Aktualisiert: vor 4 Tagen


© Melanie Lauchenauer (M. L.)


Lärm wird zur Normalität 


Um Theodor Lessing zu begreifen, müssen wir uns an den Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts zurückversetzen. Die westliche Welt hatte sich seit der Mitte des neunzehnten stark verändert. Der technische Fortschritt ging rasant voran, so rasant wie wahrscheinlich wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit. Die Nutzung der Kohle und der Elektrizität stellte die Wirtschaft und das gesellschaftliche Leben auf ein neues Fundament und bot neue, ungeahnte Möglichkeiten. Insbesondere in England, in London, Manchester und Birmingham als eindrücklichste Beispiele dafür, blühte die Industrie und Schwerindustrie auf, mit der Kehrseite, dass diese und zahlreiche andere Städte als Folge der Umweltverschmutzung ständig unter einer dunklen Wolke lagen. Wäsche draußen im windigen englischen Wetter trocknen zu lassen, war nicht mehr ratsam; nach kurzer Zeit war sie schwarz. In Berichten zu England und in der Literatur jener Zeit finden wir die damaligen Zustände eindrücklich geschildert. William Blake hatte diese Entwicklung mit seinen Versen - And was Jerusalem builded here / Among these dark Satanic Mills? - prophetisch vorausgesehen, und der Kampf um England’s green and pleasant land hatte seinen Anfang genommen.  


Eine der folgenreichsten neuen Errungenschaften war die Eisenbahn. Sie war geliebt, und sie war verhasst zugleich. Einerseits eröffnete sie neue Dimensionen für den Personen- und Warenverkehr; gleichzeitig drängte sie die traditionellen Kutscher ins Abseits und machte sie schliesslich arbeitslos. Überall in Europa und den USA wurde kein Aufwand gescheut, neue Schienenwege zu legen, was höchstes technisches Wissen voraussetzte und mit einer ungeheuren Bautätigkeit verbunden war, insbesondere in gebirgigen Gegenden. Denken wir beispielsweise an die Rhätische Bahn im Schweizer Kanton Graubünden, die auch heute noch beeindruckt, ja in Staunen versetzt.


Ähnlich verlief die Entwicklung in urbanen Regionen, wo jetzt Strassenbahnen ratterten, die den Stadtbewohnern eine erhöhte und erleichterte Mobilität ermöglichten. Und dann war es das Automobil, das die Beweglichkeit der Gesellschaft prägte wie kein anderes Transportmittel zuvor. Züge, Strassenbahnen und Autos, auch das mit Waden betriebene und noch arg klappernde Fahrrad, das seit einigen Jahrzehnten ebenfalls und in stark zunehmendem Ausmass auf den Strassen unterwegs war - es waren die willkommenen, neuen Transportmittel der ersten Stunde.


Aber: Sie forderten auch ihren Tribut. Technisch waren sie in ihren Anfängen weit davon entfernt, ausgereift zu sein, und sie verursachten grossen Lärm. Der technische Fortschritt wurde aber, trotz insbesondere gesundheitlich bedenklichen Aspekten, allgemein gut geheissen, weil er Arbeitsplätze schuf und die Gesellschaft dadurch wohlhabender und das Leben leichter machte. An den unübersehbaren und unüberhörbaren Kehrseiten dieses zunehmenden Wohlstandes, an der Verschmutzung des Lebensraumes und dem ubiquitären und immer noch lauter werdenden Mordslärm, wurde deshalb kaum Kritik geübt. Die Vorteile für das Gemeinwohl überwogen: Was unangenehm war, wurde nicht angesprochen und stillschweigend breit hingenommen.  


Doch kritische Stimmen gab es bereits und dennoch. Eine der ersten Stunde, die dem stets zunehmenden und stets noch bedrohlicher werdenden Lärm zur Zeit der frühen Industrialisierung den Kampf ansagte, war jene von Theodor Lessing. Seine engagierte, mutige Abhandlung von insgesamt vierundneunzig Seiten,



„Der Lärm. Eine Kampfschrift gegen die Geräusche unseres Lebens“,


erschien 1908 in Wiesbaden in Heft 54 der Grenzfragen des Nerven- und Seelenlebens. Einzel-Darstellungen für Gebildete aller Stände


„Ungeheuerliche Unruhe, grauenhafte Lautheit lastet auf allem Erdenleben.“ Mit diesem Satz leitet Lessing seine Klage ein. In fünf Kapiteln analysierte er die wirtschaftlichen und sozialen Gegebenheiten und den technologische Fortschritt seiner Gegenwart. Er warnte vor neuen Gefahren, forderte, dagegen geeignete Massnahmen zu ergreifen und erörterte auch eingehend rechtliche Schritte, um die von ihm postulierten Ziele zu erreichen. Seine Botschaft verstand er als „allgemeinen Kampf gegen das Übermass von Geräusch im gegenwärtigen Leben“, und er erhoffte sich damit einen „allgemeinen, internationalen“ Bund „wider den Lärm, der Einfluss auf Strafgesetz, Zivilgesetz, Verwaltungs- und Polizeigesetzgebung erlangt“ (S. 2). Seine Kampfansage richtet sich gegen „dies entsetzliche Randalieren, dies unaufhörliche Brüllen, Dröhnen, Pfeifen, Zischen, Fauchen, Hämmern, Rammeln, Klopfen, Schrillen, Schreien und Toben, womit der Mensch seine Aktionen zu begleiten pflegt (…).“ (S. 7). 


Lessings Forderungen an die Gesellschaft, dem Lärm den Kampf anzusagen und ihn einzudämmen, lesen sich so nachvollziehbar wie sie berechtigt sind. In Einzelaspekten wird man heute nicht mit ihm einig gehen können. Seine Kampfschrift ist auch ein Zeitspiegel. Den zunehmenden Lärm sieht er nämlich als


„(...) Faustrecht und die Rache, die der mit den Händen arbeitende Teil der Gesellschaft an dem mit dem Kopfe arbeitenden nimmt. (…) dass Lärm ein Kampfmittel der im Menschen wirksamen anti-intellektuellen Seelenmächte gegen die intellektuellen ist. (…). Eine nie endende Kette von Qual und Pein zieht sich durch das Leben aller mit dem Gehirne arbeitender Menschen. (…) Die Möglichkeit unsrer Arbeit wurde uns zerstört, bevor wir noch zu arbeiten begannen. Alle Augenblicke ein neues unangenehmes Geräusch!“ (S. 11-15).


Und besonders verheerend sei es in italienischen Städten: 


Bunter Markt mit BAR- und MERCATO-Schild, Ständen unter Schirmen und vielen Menschen beim Einkaufen.
© M. L.

„(…) alle die lärmenden Existenzen, diese Fruchthändler, Hausierer, Limonadenverkäufer, Bettler, Lazzaroni, Taugenichtse, Hochstapler und naiven Gauner, [die] ihr Vergnügen an der Sonne in die blauen Lüfte hinausschreien. - Dagegen betrachte man das Antlitz intellektueller und ethischer Kulturen!“ (S. 19).


Das aufstrebende Handwerk und Fachhandwerk bedroht aus der Sicht Lessings die Ruhe, ohne die Intellektuelle nicht arbeiten, nicht funktionieren könnten. Der Konflikt war für ihn ein Kampf zwischen den damaligen sozialen Ständen.



Die zahlreichen Lärmgeplagten


Mit dieser Beurteilung war Lessing allerdings nicht alleine. Goethe vor ihm, beispielsweise, war ausser sich, als im Park in Weimar (dem heutigen Goethepark), wenige Meter vor seinem Gartenhäuschen, in dem er in Ruhe und in idyllischer Landschaft arbeitete, eine Kegelbahn den Betrieb aufnahm. Oder Arthur Schopenhauer verfluchte hoch oben in seiner Dachkammer das laute Hufgeklapper der Droschken weit unten auf der Strasse. Wie ihn Theodor Lessing zitiert: Das Klopfen, Hämmern und Rammeln mache sein Leben zur täglichen Pein; es gebe recht viel Leute, die unempfindlich gegen Geräusch seien, auch unempfindlich gegen Gedanken, Dichtungen and Kunstwerke, kurz gegen geistige Eindrücke jeder Art; es liege an der zähen Beschaffenheit und handfesten Textur ihrer Gehirnmasse (S. 3).


Nicht anders, so Lessing, auch der schottische Intellektuelle Thomas Carlyle: Seine Nachtruhe werde bereits durch das Gackern eines Huhns, das ferne Ticken einer Uhr, vernichtet. Sein Studierzimmer habe doppelte Wände, zwischen denen Carlyle „eine den Schall dämpfende Torfschicht deponiert“ (S. 26) habe (was wie ein Vorläufer unserer heutigen Schallisolierung anmutet). Doch all das habe nichts genutzt.  

Weitere Geistesarbeiter, die unter Lärm sehr gelitten hätten und die Lessing als Zeugen aufruft, sind Lord Byron, Percy Bysshe Shelley, Beethoven, Schiller, Alfred de Musset, Victor Hugo, Zola, Konrad Ferdinand Meyer, wie aus ihren Biographien zu entnehmen sei (S. 26-27). Richard Wagner habe sogar Glassplitter und Scherben unter seine Fenster streuen lassen, „um Kindergeschrei von seiner Wohnung fernzuhalten“ (S. 27), und Heinrich Heine habe den Lärm nur mit Galgenhumor ertragen. 


Lessing selbst treiben gleichsam alle Geräusche des Alltags zur Verzweiflung, wie er aufführt: das Türenwerfen unerzogener Menschen; ein schweres Lastfuhrwerk über dem Strassendamm; das niederträchtige, überflüssige Peitschenknallen; das Tag und Nacht andauernde Geläute von Kirchenglocken, ein perhorresziertes Geräusch; das ganz unerträgliche Geplärre der Papageien (S. 56); das grauenhaften Gelärme des Teppich-, Polster- und Bettenklopfens; das Schlagen der Turmuhren (wo doch heute auch der Ärmste eine Taschenuhr besitze); der beständig noch anschwellende Bicykleverkehr; die zahllosen Übergriffe der auf den Strassen lebenden Arbeiterklassen (wie Fuhrleute, Kutscher, Pflasterer, Trottoir-, Kanalarbeiter usw.). Auch die Universitäten verschont er nicht; das dort übliche „Beifalltrampeln mit den Füssen“ müsse ein Ende haben: „Durch dies Scharren und Trampeln wird unnütz Staub und Schmutz aufgewirbelt, so dass die Unart nicht nur das Ohr schikaniert, sondern schlechtweg hygienisch gefährlich wird.“ (S. 48). 


Und auch die Musik, die überall und allzu oft zu hören sei, ist ihm zuwider. In Anlehnung an Wilhelm Busch, ohne ihn zu nennen, hält er fest: „Musik wird oft nicht schön gefunden, / Zumal sie mit Geräusch verbunden.“ Mit Berufung auf Kant könne man sich der Musik, im Unterschied zu anderen Künsten, bei denen man wegschauen könne, nicht entziehen; wie ein „sich weit ausbreitender Geruch“, ein „parfümiertes Schnupftuch aus der Tasche“, das jedermann traktiere und nötige, es einzuatmen (S. 28). Lessing fühlt sich gestört von „Müssiggehern“, die, wie er ausführt, sentimentale Melodien auf der Geige kratzten, von der Marter ihrer Fingerübungen und Etüden. Deswegen: Hausmusik, überflüssiges Klavierspiel sei zu besteuern. Auch den „Marterinstrumenten wie Schlagzithern, Gitarren, Mandolinen und schlechten Klavieren“ (S. 15) in Restaurant- und Kaffeehauskonzerten, die in ganz Deutschland grassierten, sei ein Ende zu setzen (S. 69). 


Lessing gehörte zu jenen Hochbegabten, die Lärm, Geräusche jeglicher Art nicht ertragen, und die sich im Interesse ihrer eigenen Gesundheit davor schützen müssen. Mit seiner Schrift bezwecke er, sich „von quälender Spannung langen Grolls und sachlichem Zorne zu entlasten (…) und möglichst viele Menschen (…) auf[zu]rütteln“ (S. 1). Seine Klage liest sich in der heutigen Wahrnehmung stellenweise sonderlich, kauzig, exzentrisch, und seine Gedankengänge und seine sprachliche Darlegung sind, unfreiwillig, amüsierlich.


Im letzten Kapitel, „Rechtsschutz wider den Lärm“ (S. 73 f.), erörtert Lessing rechtliche Massnahmen, um dem stets zunehmenden Lärm Grenzen zu setzen. Er erkennt zwar einzelne Fortschritte: Beispielsweise seien in London Lastfuhren von abends zehn bis morgens sieben Uhr nicht mehr gestattet. Doch Lessing wirkt in seinen abschliessenden Überlegungen nicht optimistisch. Er werde sich nicht mehr wehren, auch testamentarisch nur die eine Bitte haben, „dass an meinem Grabe nicht etwa noch ein Böller abgeschossen wird“, wie er seine Klage beendet (S. 91). 



Eine Kampfschrift von überzeitlicher Gültigkeit 


Theodor Lessings Kampfansage gegen die „Lärmverseuchung“ (S. 15), couragiert entgegen den Zeitgeist gerichtet, ist eine Pionierleistung, und seine Bedenken haben nichts von ihrer Berechtigung verloren: „Der Mangel an gesundem, tiefem Schlaf zerrüttet unsre Nerven“. (S. 15). Die Bekämpfung der akustischen Umweltverschmutzung gehört so sehr wie damals zu den vitalen Herausforderungen unserer Gegenwart. 


Pionier zwar, aber Lessing wirkt in seinem Kampf gegen den Lärm resigniert, und sein Leben endete tragisch. Als Jude wurde er zur Zeit des Nationalsozialismus von den Barbaren verfolgt und in Marienbad im Jahre 1933 von drei faschistischen Attentätern hinterhältig feige erschossen.


Dieser erkenntnisreiche, aktuell gebliebene Text ist Teil seines umfangreichen literarischen Vermächtnisses.


Theodor Lessing, „Der Lärm. Eine Kampfschrift gegen die Geräusche unseres Lebens“.

In: Grenzfragen des Nerven- und Seelenlebens. Einzel-Darstellungen für Gebildete aller Stände. Heft 54 (Wiesbaden 1908).


Wer die Erstausgabe nicht findet, kann diesen Text auch bei internetarchive lesen.

Dazu gibt es auch eine sorgfältige und kompetente Neuausgabe.



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