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Englische Komödien im Kontext ihrer Zeit

          Illustration © Melanie Lauchenauer 


Die Gattung im Wandel


Ein Blick auf die Geschichte des englischen Theaters zeigt die thematische Vielfalt der einheimischen Komödien von ihren Anfängen bis heute. Die einzelnen Stücke lassen sich gut vor dem Hintergrund ihrer Zeit verstehen. Je nach Epoche unterscheiden sie sich thematisch und formal. Gemeinsam ist ihnen der englische Witz, der schlagfertige “wit“; auch das Element der heiteren Geselligkeit, zu der König Heinrich VIII. bereits im sechzehnten Jahrhundert in seinem Lied Pastyme with good company aufgerufen hatte.


Im elisabethanischen und jakobäischen Zeitalter waren es die romantischen Komödien, mit denen Shakespeare und seine Zeitgenossen und Rivalen wie George Peele, Thomas Decker oder Francis Beaumont zusammen mit John Fletcher das Publikum zu Tränen rührten. Neue Ansätze zeigte bereits Ben Jonson, der in einzelnen seiner Komödien Laster der Londoner aufs Korn nahm, beispielsweise in The Alchemist oder zusammen mit dem notorischen Spötter Thomas Nashe in The Isle of Dogs, was behördliche Massnahmen gegen die beiden Dramaturgen zur Folge hatte.



Schliessung der Theater durch die Puritaner und Wiedereröffnung


Mit seinem Witz und Spott, den er über gesellschaftliche Unzulänglichkeiten ausschüttete, und der versteckt selbst vor dem Hof nicht Halt machte, ebnete Ben Jonson den Weg für eine neue Variante der Komödie, der Stadtkomödie, die im ersten Jahrzehnt des siebzehnten Jahrhunderts erblühte. Mit amouröser Romantik, verliebtem Geplänkel, mit Spötterei und Schalk war aber Schluss, als die Puritaner im Jahre 1642 die Theater schlossen. Vergnügung und Unterhaltung waren sie abhold; sie hatten weltlichen Freuden jeglicher Art den Kampf angesagt.


Damit trafen sie aber den Nerv des englischen Publikums nicht, dem die Lebendigkeit der Schaubühne mit ihrem geistreichen Witz seit jeher viel galt. Nicht überraschend wurden die Theater nach Oliver Cromwells Tod zu Beginn der englischen Restauration, die im Jahre 1660 einsetzte, schon bald wieder geöffnet. Was das Publikum dann zu sehen bekam waren weder die romantischen Liebeskomödien der elisabethanischen und jakobäischen Zeit noch die sozialkritischen Stücke der darauf folgenden Londoner City Comedy. Stattdessen überraschten die Dramaturgen mit einer neuen Form der komödienhaften Unterhaltung, nämlich der … 



Comedy of Manners


…. zu Deutsch: der Sittenkomödie. Sie brach mit ungeheurer Wucht und Kreativität über das an guter Unterhaltung ausgehungerte Theaterpublikum herein. Offensichtlich hatten die englischen Dramaturgen nach der erzwungenen Phase des Puritanismus, der allen weltlichen Genüssen Feind war und das lebensfreudige englische Publikum seiner geliebten Unterhaltung beraubte, einen riesigen Nachholbedarf.


Es ergeben sich auffällige Parallelen zur elisabethanischen und jakobäischen Zeit. Königin Elisabeth I. und König James I. waren den Künsten in hohem Masse zugewandt. James I. übernahm sogar Shakespeares Schauspieltruppe The Lord Chamberlain's Men, umbenannt zu The King’s Men, als Patron. Auch Karl II., der neue König der wieder eingeführten Monarchie, war den Künsten zugetan. Und ihm eignete eine lockere Lebensfreude. Er hatte beispielsweise keine Kinder aus seiner Heirat, aber geradezu zahlreiche aus ausserehelichen Beziehungen. 


Damit ergibt sich auch ein direkter Bezug zur neuen, aufblühenden gesellschaftskritischen Restaurationskomödie. Sie brachte nämlich mit Vorliebe sittliche und moralische Missstände zu Darstellung, wie sie sich im Alltag breit gemacht hatten und sich insbesondere in sexualibus zeigten. Die Bezeichnung Sittenkomödie ist Programm. In den Lustspielen der Restauration ist die eheliche Liebe auffallend entsentimentalisiert; stattdessen zielen die Bühnenfiguren aus egoistischen Motiven auf persönliche Vorteile, insbesondere auf finanziellen, materiellen Gewinn, und der eheliche Betrug ebnet ihnen den Weg dazu. Der Betrüger und der Hahnrei, die betrogene und auch die betrügerische Ehefrau gehören zu den stock characters der Restaurationskomödie.


Bereits die Titel der Lustspiele deuteten dem Publikum an, was es erwartete: The London Cuckolds von Edward Ravenscroft (eben, Hahnreie), Friendship in Fashion von Thomas Otway, She Would If She Could von George Etheridge, Marriage à la Mode von John Dryden, The Marriage Beau von John Crowne, oder Love for Money von Thomas D'Urfey, um nur einige zu nennen.


Viele Stücke sind heute nicht im Druck, einige können aber im Internet gelesen werden. Aufgeführt werden etliche von ihnen, insbesondere in England, auch noch heute, und sie erfreuen sich dabei grosser Beliebtheit, beispielsweise The Way of the World von William Congreve.


Eine Liste mit Sittenkomödien bietet der Eintrag in Wikipedia, der auch mehrere Stücke näher erläutert.  


Die Restaurationskomödie war wortlastig. Man könnte sie auch Konversationskomödie nennen. Sie entfaltete ihre Wirkung im angeregten bis hitzigen Gespräch und im Dialog und weniger in der streng durchgestalteten Handlungsführung der elisabethanischen und jakobäischen Tradition, beispielsweise in Hamlet, Romeo und Julia, oder im- Sommernachtstraum. Die geistreiche Erwiderung, das repartee voll Witz und Esprit, hatte den Vorrang. Der Concise Oxford Dictionary beschreibt das in diesem Zusammenhang so zentral wichtige repartee wie folgt: “the practice or faculty of making witty retorts; sharpness of wit in quick reply.“ 


Das spontane, schlagfertige repartee aus dem Moment heraus lässt den theatralischen Effekt der einzelnen Szene wichtiger erscheinen als die übergeordnete Handlungslinie des Schauspiels. Gute Beispiele dafür sind die erwähnten Stücke The Way of the World von William Congreve oder Marriage a la Mode von John Dryden, auch weil deren Texte leicht zugänglich sind.



Schauspielerinnen: Auf die Bühne!


Als wesentliches Novum kommt hinzu, dass die Bretter nach der Wiedereröffnung der Theater nun auch den Damen gehörten. Zu Beginn der Restauration wurde nämlich das Gesetz aufgehoben, das den Frauen verbot, Theater zu spielen. Während bis zur Schliessung der Schauspielhäuser durch die Puritaner weibliche Bühnenfiguren meist von Knaben oder auch von Männern gespielt worden waren, wurden diese Rollen jetzt auf gleichsam natürliche Art und Weise von Frauen gefüllt. Was aus heutiger Sicht normal ist, muss für das damalige Publikum einer Sensation gleich gekommen sein.


Dramaturginnen erobern das Theater


Bemerkenswert ist ferner, dass vermehrt auch Frauen als Dramaturginnen hervortraten, beispielsweise die Londonerinnen Aphra Behn oder Susanna Centlivre. Die allerersten englischen Schriftstellerinnen waren sie allerdings nicht. Die Nonne Leoba als erste Lyrikerin aus dem achten Jahrhundert, im vierzehnten Margery Kempe mit den Aufzeichnungen ihres Lebens, Catherine Parr, die sechste Ehefrau von König Henry VIII., Isabella Whitney und Aemilia Lanyer aus dem sechzehnten und mittleren siebzehnten Jahrhundert gingen ihnen voraus.  


Die englischen Komödien im Vergleich 


Der geschichtliche Verlauf zeigt, wie reich und vielfältig die Gattung der englischen Komödie ist. Sie bleibt bis auf den heutigen Tag die wohl beliebteste auf der englischen Bühne. Damit unterscheidet sich das inselländische Lustspiel in auffallender Weise vom deutschen. Dieses wirkt bei allem Witz und Spass im Vergleich etwas angestrengt, etwas züchtig. Deutsche Komödien, die den Namen voll und ganz verdienen, gibt es wahrscheinlich nur deren drei: Minna von Barnhelm von Lessing, Der zerbrochene Krug von Kleist und Gerhards Hauptmanns Der Biberpelz.


Ja, alle drei sind sie lustig und unterhaltsam; sie erreichen aber nicht die Höhe der so geistreichen englischen Komödientradition.


Ausführliches zur englischen Komödie finden Interessierte in:


  • Edmund Kerchever Chambers, The Elizabethan Stage. 4 Vol. (Oxford 1915-1923).

  • Rudolf Stamm, Geschichte des englischen Theaters (Bern 1951).

  • Robert Fricker, Das Ältere Englische Schauspiel, 3 Bde. (Bern und München 1975, 1983, 1987).

  • Andrew Gurr, The Shakespearean Stage, 1574–1642 (Cambridge 1992).

  • Richard Schoch, Writing the History of the British Stage: 1660-1900 (Cambridge University Press 2016). 

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