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“Printed in the German Democratic Republic" Bücher aus der DDR

ein Bücherregal


1. Auferstanden aus Ruinen …


Seit mehr als fünfunddreissig Jahren existiert die Deutsche Demokratische Republik nicht mehr. Sie ist aber nicht spurlos verschwunden, nicht aus dem Gedächtnis getilgt. Auch im heutigen Alltag erinnert nach wie vor vieles an den untergegangenen sozialistischen Staat, im Osten Deutschlands selbst, und weit darüber hinaus.


Ein paar eindrückliche Beispiele dafür sind:

  • Hundertsiebzig Jahre nach der Gründung im Jahre 1856 ist der in Freyburg an der Unstrut beheimatete Sekthersteller Rotkäppchen heute zur Nummer eins in ganz Deutschland avanciert.

  • Das DDR-Fahrrad Diamant aus Chemnitz (zu DDR Zeiten: Karl-Marx-Stadt, gegründet 1885) sieht man heute, nach zwei Besitzerwechseln an Familienunternehmen, zuerst an die Schweizer Villiger (1992) und danach die US-Amerikaner Trek (2003), überall auf den Strassen Europas (vielleicht auch darüber hinaus), und es sind hoch attraktive Modelle.

  • Das Filinchen, das Waffelbrot aus der thüringischen Kleinstadt, der so genannten Glockenstadt Apolda, und die Halloren Kugeln aus Deutschlands ältester Schokoladenfabrik in Halle gehören beide deutschlandweit zu den ersten ihrer Branche.

  • Fit, in der DDR das konkurrenzlose Spülmittel, ist heute so erfolgreich, dass die Firma, wie zu lesen ist, zwischenzeitlich sogar westdeutsche Produkte aufgekauft hat.

  • Und die renommierten optischen Produkte von Zeiss in Jena, die seit ihren Anfangen im Jahre 1846 weltweit unverzichtbar sind, haben sich ihren weiteren, anhaltenden Spitzenplatz auf dem kapitalistischen Markt gesichert.


Die Liste der angeführten, erfolgreichen Firmen und Produkte ist weit davon entfernt, abschliessend zu sein, wenn auch - gemäss allgemeinem Wissensstand - die untergegangenen Unternehmen diejenigen, welche überlebt haben, die sich sogar grossen Erfolges erfreuen dürfen, zahlenmässig übertreffen.



2. Auferstanden aus Ruinen

    und der Zukunft zugewandt …


Wir erkennen sie wieder: Es sind die ersten Zeilen der damaligen DDR-Nationalhymne, verfasst vom Lyriker Johannes R. Becher. Er spielte in der frühen Phase der Geschichte der DDR eine wichtige Rolle, und wir werden ihm hier wieder begegnen. Bechers Zeilen wollten der neu gegründeten Republik eine glückliche Zukunft verheissen („Alte Not gilt es zu zwingen“, Zeile 5), und sie sind, ohne jegliche Zynik, am Ende der DDR, nach ihrem Bestehen von fast auf den Tag genau einundvierzig Jahren, so gültig wie an ihrem Anfang. 



3. Die hehren Ziele: Die DDR als Literaturgesellschaft, als Leseland 


Wenn wir nun den Blick auf die DDR Verlage und auf den damaligen dortigen Büchermarkt werfen, und uns fragen, wie sich diese Branche nach dem Ende der sozialistischen Republik weiterentwickelte, so ergibt sich ein ähnlicher Eindruck. Eine Anzahl Verlage hat erfolgreich überlebt, viele sind aber verschwunden, im harten Überlebenskampf des Marktes untergegangen. Was von ihnen bleibt, sind wertvolle, häufig wunderprächtig gestaltete Bücher aus vierzig Jahren DDR Verlagsgeschichte. Aber am Ende waren es auch zerschellte Hoffnungen, ein Absturz an den harten Klippen der politischen und wirtschaftlichen Realität.


Die DDR hatte den Anspruch, ein Leseland, eine Literaturgesellschaft zu sein. Diese Forderung wurde bereits Anfang der Fünfzigerjahre von Johannes R. Becher, dem ersten Kulturminister des neu geschaffenen Staates, postuliert. Die DDR wollte der bessere Teil Deutschlands sein, und dazu gehörte auch, dass das Volk liest und sich bildet. Das Ziel war ein anhaltender humanistischer Auftrag, der sich vom dekadenten Westen unterscheidet, der bloss konsumorientiert ist und das Einzelindividuum aus kapitalistischer Gewinngier ausnutzt. Dieser Anspruch war für die Kulturpolitik des sozialistischen Staates bis zu dessen Ende zentral. In Erinnerung bleibt insbesondere auch Hermann Kant. Der regimetreue Autor definierte und forderte beim Schriftstellerkongress des Jahres 1978 unmissverständlich und kompromisslos die pragmatische Rolle, welche die Literatur im sozialistischen Vaterland, wie dieses geheissen wurde, zu spielen hat. 


Die Fragwürdigkeit dieser hoch gesetzten Ziele tritt allerdings bereits beim Lesen des Impressums in einer DDR Ausgabe vor Augen. Die DDR nutzte ab Mitte der Siebzigerjahre zunehmend auch die im Westen eingeführten ISBN-Nummern (mit der Gruppennummer 3, wie die anderen deutschsprachigen Länder), die schliesslich ab Mitte der Achtzigerjahre obligatorisch wurde. Bei Lichte besehen macht man aber im Impressum unbehagliche Entdeckungen. Die aufgeführte siebenstellige „Bestellnummer“ für den landesinternen Buchhandel bewirkt noch kein Stirnrunzeln, ebenso nicht die vierstellige „LSV-Nummer“, das „Literatur Schlüsselverzeichnis“, das die literarische Gattung des Buches bezeichnete (Belletristik, Sachbuch, Kinderbuch u. ä.).

Dann aber: Die im Weiteren angebrachte „Lizenznummer“ musste aufhorchen lassen: Sie war nämlich das versteckte und paradoxerweise offene Eingeständnis dafür, dass der Druck eines jeden Buches zuerst von den zuständigen staatlichen Instanzen der DDR bewilligt werden musste. Derselbe Staat, der seine Bürgerinnen und Bürger zu frei denkenden, humanistischen Wesen erziehen wollte, gab mit dieser „Lizenznummer“ zu erkennen, dass er zensurierte, er totalitär war und freies Publizieren nicht zuliess.



4. Der landesinterne Buchhandel der DDR


Direkt mit der staatlichen Zensur hing der Verkauf von Büchern innerhalb der sozialistischen Republik zusammen. In der DDR wurde in hohem Ausmass auch für westliche Verlage gedruckt. Die Kosten waren für diese signifikant tiefer, und für die DDR florierte im Gegenzug der Devisenmarkt. Und wichtig: Die für den Export bestimmten Drucke waren nicht für den heimischen Markt zugelassen.


Bei unseren Beobachtungen, Feststellungen und, ausgehend von vorliegenden Sachverhalten, hoffentlich zutreffenden Vermutungen, stützen wir uns auf den obigen, während mehrerer Jahrzehnte gefüllten und jetzt prallen Bücherschrank mit DDR Ausgaben.


Er zeigt uns eindrücklich, dass die DDR Drucke für den Export technisch und ästhetisch in keiner Weise dem Niveau westlicher Verlage nachstanden. Renommierteste und grösste Verlage im Westen liessen in der DDR drucken, beispielsweise: die mehrbändige Taschenbuchreihe „Märkischer Dichtergarten“ des Fischer Verlags Frankfurt a. M.; die geradezu monumentale zwölfbändige Ausgabe von Giacomo Casanovas Geschichte meines Lebens für den Verlag C. H. Beck in München, oder Französische Liebesgeschichten des VMA Verlags Wiesbaden. Alle diese Ausgaben bestechen als Beispiele - von denen es sehr viele mehr gibt - durch ihre hohe Druckqualität, sowohl textlich als auch illustratorisch.


Anders verhält es sich auf den ersten Blick mit Büchern, die offensichtlich für den heimischen Markt bestimmt waren und ausserhalb der DDR kaum auf Interesse stiessen. Beispiele dafür sind: Jens Sparschuh, Der grosse Coup (Morgen Verlag 1987 - dennoch ein sehr lesenswertes Buch!); die „Taschenbibliothek der Weltliteratur“ des Aufbau Verlages oder „Reclams Universal-Bibliothek“ des Reclam Verlages in Leipzig mit Titeln wie dem zweibändigen Umgang mit Menschen von Adolph Freiherr von Knigge. Die Papierqualität ist merkbar schlechter, daraus ersichtlich, dass die genannten Werke in unserem oben abgebildeten Bücherschrank bereits heute arg vergilbt sind.



5. Bückware


Es erstaunt deswegen nicht, dass in der DDR gerade jene Bücher beim interessierten Publikum die grösste Begehrlichkeit erregten, die nicht für den heimischen Markt bestimmt waren, sondern für den Westen gedruckt wurden. Offiziell waren sie in der Regel nicht für den Verkauf freigegeben. Doch vieles war im damaligen Sozialismus mit guten Beziehungen zu haben, womit er sich vom Kapitalismus nicht unterschied. Bücher, die für den Export deklariert waren, wurden unter dem Ladentisch versteckt bereit gehalten und dann diskret an die vorbestimmte Kundschaft übergeben. Es war „Bückware“. Sie war auch in anderen Ländern des damaligen Ostblocks weit verbreitet, letztlich in allen Ländern, in denen Mangelwirtschaft herrschte und herrscht. Auch das Dritte Reich kannte die Bückware. 



6. DDR Bücher im „kapitalistischen Ausland“


In der Schweiz waren Bücher aus der DDR bestellbar. Ob sie dann auch immer eintrafen, war eine andere Frage; in der Regel aber funktionierten Bestellung und Lieferung. Dies trifft grundsätzlich ebenfalls auf das damalige Westdeutschland zu, wenn auch dort behördlicherseits gelegentlich eine so genannte Unbedenklichkeitsbescheiningung angefordert wurde, wie bei vielen anderen aus der DDR eingeführten Waren.


Ein beachtliches Angebot von Büchern aus der DDR fand man in Schweizer Buchhandlungen vorwiegend soziologischer, politisch linker Ausrichtung, meist in grösseren Städten. Dazu kamen die modernen Antiquariate, in denen hochkarätigste Bücher aus der DDR angeboten wurden und immer noch werden. Da diese Bücher als kultureller Schatz (wieder)entdeckt worden sind, sind die Preise entsprechend gestiegen. Die beste Zeit, DDR Bücher im Ausland zu kaufen, war nach der Wende. Bücher aus der DDR wurden damals gnadenlos verramscht, denn alles, was aus der DDR kam, galt als minderwertig. Doch nach wenigen Jahren kehrte sich dies zum Glück um: Was damals verramscht wurde, sind heute begehrte Preziosen. 



7. DDR Reihen


Der volkserzieherische Auftrag des DDR Regimes zeigte sich darin, dass die staatseigenen Verlage spezielle Buchreihen und Editionen für spezifisch interessierte Teile der Bevölkerung herausgaben.


BDK


Der Aufbau Verlag in Weimar unterhielt seit den mittleren Fünfzigerjahren die „Bibliothek deutscher Klassiker“ (BDK). Es war eine Volksausgabe, solid erarbeitet, angenehm in kleinerem Format in Leinen gebunden und in verschiedenen Farben gestaltet. Eine Auswahl ist auf der dritten Ablage unseres Bücherschranks zu sehen. Eine fünfbändige Schillerausgabe aus dem Jahre 1955 gehörte zu den ersten Publikationen.


Die BDK hatte einen offenkundig klassenkämpferischen Ansatz. Autoren wie der Schweizer Bauer Ulrich Bräker aus dem Toggenburg des 18. Jahrhunderts (erstaunlich, und zur Freude für alle in der Schweiz: seine Ausgabe erschien bereits 1964 als eine der frühen in zwei Bänden) oder der ansonsten kaum gelesene Österreicher Ludwig Anzengruber (1971, 2 Bände) wurden als Vorkämpfer des Proletariats präsentiert. Die Einführungen und Vorworte sind deswegen cum grano salis zu lesen, wie überhaupt die ganze Ausgabe ihre Verdienste hat, aber keinen wissenschaftlichen Grundsätzen gerecht werden kann und wahrscheinlich auch nicht will.


Insgesamt umfasste die BDK am Schluss vierundsiebzig Publikationen beziehungsweise hundertundfünfundsechzig Bücher. Christian Dietrich Grabbe, eine weiterer Autor mit sozialrevolutionärer Ausrichtung, bildete im Jahre 1987 mit einer zweibändigen Ausgabe das Schlusslicht. Die grosse Zeit der BDK waren die Sechziger- und frühen Siebzigerjahre. Nachher sind nur noch wenige Neuerscheinungen zu verzeichnen, bis die Edition nach der Wende dann ganz versiegte. Grund dafür war auch das veränderte politische Klima in der DDR. Die BDK war eine staatlich gelenkte, zensurierte Ausgabe. Dem Volk wurden nur Bücher zugestanden, die ideologisch konform, vertretbar waren. Die Zensur geriet aber zunehmend unter Druck und wurde schliesslich im Herbst 1989, kurz vor der Wende, auf noch massiveren Druck hin abgeschafft. Auch der repressive Kulturminister Kurt Hager, der massgeblich für die Zensur in der DDR verantwortlich war, musste sich fügen.

Alle Veröffentlichungen der BDK sind bei Wikipedia aufgelistet und werden dort kundig weiterführend erörtert, weshalb hier auf Weiteres verzichtet werden kann.


BDW


Während sich die BDK der deutschsprachigen Literatur widmete, ging die „Bibliothek der Weltliteratur“ (BDW) in die Weite. Die ebenfalls gross angelegte Edition war ein gemeinsames Projekt von fünf DDR Verlagen, des Aufbau Verlages, des Verlages Volk und Welt, von Rütten & Loening, von Insel (Ost) und Reclam (Ost). Wir finden italienische Literatur (Giovanni Boccaccio), viel russische (Lew Tolstoj, Maxim Gorki, Michail Lermontow, Wladimir Majakowski u. a. m.), und englische, französisch und spanische von der Gegenwart bis zurück zum Barock. Aber auch diese Reihe kam schon bald nach der Wende zum Erliegen. Hölderlins Hyperion und Peter der Erste von Tolstoi, erschienen 1991, dürften hier den Abschluss gebildet haben.

Die von der BDW herausgegebenen Werke aus der Weltliteratur sind ebenfalls im Eintrag bei Wikipedia aufgeführt. 



8. Weitere Volksausgaben


Auffallend ist eine Vorliebe der DDR Verlage für Serien dieser Art:


  • Der Kiepenheuer Verlag in Weimar und Leipzig unterhielt die Reihe mit dem originellen Wortspiel „Die Bücherkippe“ (Maupassant, E. T. A. Hoffmann, Gogol u. a. m.);

  • Der F. A. Brockhaus Verlag Leipzig führte die Reihe „Klassische Reisen“; darin: Georg Friedrich Rebmann, Kreuzzüge durch einen Teil Deutschlands (Leipzig 1990, Erstdruck Altona 1795); Friedrich Parrot, Reise zum Ararat (Leipzig 1985, Erstdruck Berlin 1834); 

  • Rütten & Loening besorgte das äusserlich elegante und sorgfältig edierte „Lesekabinett“, stets mit Lesebändchen. Hier finden sich sonst kaum greifbare Werke von Hermann Sudermann, Willibald Alexis, dem Elsässer Alexander Weill, Otto Gildemeister oder Leopold von Sacher-Masoch.



9. Seltene Titel, exotische Auswahl 


Sudermann, Alexis, Weill, Gildemeister - sie sind nahezu Raritäten, jedenfalls sind sie als Ausgaben ausnahmehaft. Durchgeht man die vierzig Jahre des DDR Verlagswesens, so stösst man zahlreich auf Bücher, die sonst kaum erhältlich, in vielen Fällen wahrscheinlich auch zum ersten Mal gedruckt worden sind. 


Dazu gehört beispielsweise Franz Freiherr von Gaudys satirische Prosa Die sieben Leidensstationen eines Bräutigams auf dem Wege zum Traualtar (Eulenspiegel Verlag Berlin 1986). Gaudy war ein zu seiner Zeit viel gelesener Autor und ein hochbegabter Übersetzer in verschiedene Sprachen; heute ist er breit vergessen. Man muss, basierend auf unseren Recherchen, bis ins Jahr 1844 zurückgehen, um einen Druck von Gaudy aufzustöbern. Möglicherweise hat die Ausgabe des Eulenspiegel Verlags aber einen Impuls ausgelöst, denn seit 2010 sind wieder Ausgaben von Gaudy erschienen.  


Auch die folgenden Bücher existieren wahrscheinlich nur in DDR Ausgaben:

Rütten & Loening verlegte Johann Karl Wezel, den Zeitgenossen Goethes, gleich zweimal: Kakerlak oder die Geschichte eines Rosenkreuzers aus dem vorigen Jahrhunderte (1985) und Lebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt (1990).


Friedrich Christian Laukhards Leben und Schicksale, von ihm selbst beschrieben (1797-1802) ist ein buntes Epochengemälde. Er berichtet von seiner Studentenzeit, seinem Kriegsdienst, den politischen und sozialen Schwierigkeiten und den Wirren seiner Zeit.


Johann Gottlieb Schummels Spitzbart. Eine komi-tragische Geschichte für unser pädagogisches Jahrhundert (gedruckt 1983 für C. H. Beck, München) war eine Satire auf neue pädagogische Vorstellungen jener Zeit.


Skandinavische Reiseliteratur mit recht deftigen Schilderungen bietet der schwedische Pfarrer Jacob Wallenberg in Ergötzliche Seefahrt von Schweden nach China (1769-1771). Es war eine Lizenzausgabe des Hinstorff Verlages Rostock aus dem Jahre 1976 für den Erdmann Verlag im Westen.


Demgegenüber suchte der Schotte Alexander Mackenzie (1764-1820) in Mit Gewehr und Kanu. In 80 Tagen zum Pazifik sein Glück in Kanada. Erschienen im Verlag Neues Leben Berlin, 1990.


Mit einer besonderen Köstlichkeit wartete der Verlag Rütten & Loening im Jahre 1988 auf: Die Novellen von Matteo Bandello (ca. 1480-1560) in zwei Bänden. Mit mehrfarbigen Illustrationen und weiterem reichem Buchschmuck.

Bandellos oft frivole Novellen dienten Shakespeare als Vorlage, u. a. für Romeo and Juliet, 12th Night, Much Ado about Nothing und Cymbeline. Auch The Duchess of Malfi seines Zeitgenossen John Webster geht auf eine Novelle von Bandello zurück, und Philipp Massinger hat offensichtlich ebenfalls von Bandello geborgt.  


Und wahrscheinlich nur wenigen dürfte Tom Richmonds Szenen aus dem Leben eines Bow Street Runners. Aufzeichnungen eines Detektivs aus dem alten England bekannt sein. Deutsche Erstausgabe im Verlag Das Neue Berlin, 1989. Mit textnahen Illustrationen von Günter Lück. 


Dasselbe gilt für:


Die Fürstin des russischen Expressionisten Andrej Sobol (1888-1926)

und

Michail Sostschenko, Ein Vorfall in der Provinz. Humoresken und Satiren (Eulenspiegel Verlag Berlin; ein DDR Lizenzdruck für den Verlag Werner Dausien, Hanau).


Der Union Verlag Berlin verlegte im Jahre 1990 das Kirchenlexikon. Christliche Kirchen, Freikirchen und Gemeinschaften im Überblick. Tatsächlich fehlt in dem, was hier bescheiden Überblick genannt wird, kaum etwas. Die Darstellung ist unideologisch gehalten, was angesichts des gottfernen staatlichen Apparates erstaunt. 


Besonders ausgefallene Werke edierte der


Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik:


Wenn die Trommel gellet. Alte Sprichwörter und sprichwörtliche Redewendungen von und über Soldaten (1989).


„Soldaten im Frieden sind Öfen im Sommer.“ So lesen wir hier.


Konrad Fritze, Günter Krause, Seekriege der Hanse (1989).


Nicolas-Marie Ozonne (1728-1811), Die Kriegsflotte (1989), Erste Deutsche Übersetzung der Pariser Erstausgabe im Schuber, mit Einlage- und Faltblättern.


Willibald Pirckheimer, Der Schweizerkrieg (1988). Übersetzt aus dem Lateinischen.

Der Autor singt ein langes Loblied auf die tapferen Schweizer Krieger, das jedes Schweizer Herz höher schlagen lässt. Seine reiche Biographie kennen zu lernen lohnt sich. 



10. Literatur zur Schweiz in Verlagen der DDR


Pirckheimers Schweizerkrieg ist nur eines von etlichen Büchern mit Bezug zur Schweiz. Auf die BDK Ausgabe von Ulrich Bräker haben wir bereits hingewiesen. Es finden sich weitere, geradezu Aufsehen erregende Nach- und Erstdrucke, beispielsweise: 


Johann Michael Afsprung (1748-1808), Reise durch einige Cantone der Eidgenossenschaft (Koehler & Amelang, Leipzig 1990). Erstveröffentlichung Leipzig 1784. In den Originalmassen des Erstdrucks von 13cm Höhe und 23 cm Breite. 


Geographische Bilder-Lust von der Schweiz. Nürnberg 1752. Unveränderter Nachdruck. Mit gefalteten Einlagen. 8cm Höhe, 16 cm Breite.


Teubner, Hans, Exilland Schweiz 1933-1945. Dokumentarischer Bericht über den Kampf emigrierter deutscher Kommunisten (Dietz Verlag Berlin Ost 1975).


Mittenzwei, Werner, Exil in der Schweiz (Philipp Reclam jun. Leipzig 1978).


Villain, Jean, Die Schweiz. Paradies nach dem Sündenfall (VEB Brockhaus Leipzig 1969). 


Der Schweizer Jean Villain (1928-2006) hiess mit bürgerlichem Namen Marcel Bruno Brun. 1961 siedelte er in die DDR über. Dort diente er sich dem staatlichen Regime an. Gemäss dem Eintrag bei wikipedia wurde er als „inoffizieller Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit (Deckname ‚Erwin‘) geführt“.

Villain gehörte zu den wenigen Schweizern, die in die DDR zogen. Sie waren als Überläufer im - so der dortige Anspruch - besseren Teil Deutschlands hoch willkommen und wurden propagandistisch vermarktet (was sich, nota bene, umgekehrt im Westen in ähnlicher Weise abspielte). Falls Villains Buch des Sündenfalls in der DDR die breite Wahrnehmung der Schweiz wesentlich beeinflusst hätte, ware dies zu bedauern. Seine Darstellung ist opportunistisch ideologisch geprägt und gibt kein adäquates Bild ab, damals nicht und auch heute nicht.

Jean Villains Beispiel zeigt, dass DDR Bücher, westliche Autoren und -innen, die in der DDR verlegt wurden, auch für die psychologische Kriegsführung während des so genannten Kalten Krieges genutzt wurden. 


Klaus Petzold, Hannelore Prosche, Geschichte der Deutschsprachigen Schweizer Literatur im 20. Jahrhundert (Volk und Wissen Berlin 1991). 


Mit mehreren Ausgaben wurde dem Werk von Schweizer Autoren gedacht: 


Die skeptische Landschaft, Deutschsprachige Lyrik aus der Schweiz seit 1900. Hg. von Klaus-Dieter Schult (Reclam, Leipzig 1988).

Mit Autorenbiographien. Eine beispielhafte Anthologie. 


Gottfried Keller, Die missbrauchte Liebesbriefe (VEB Verlag der Kunst, Dresden 1989).

Der Band ist mit kunstsinnigen Federzeichnungen von Hanns Georgi angereichert. 


Charles Ferdinand Ramuz, Vier Romane (Verlag Volk und Welt 1990).


Friedrich Glauser, Wachtmeister Studer (Verlag das Neue Berlin (1988).

Kriminalromane (Verlag das Neue Berlin 1990).


Walter Mathias Diggelmann, 20 Geschichten (Reclam Leipzig 1986).



11. Verlage und Druckereien der DDR


Die Mehrzahl der Verlage, denen wir die besprochenen Werke verdanken, existieren seit der Wende nicht mehr oder in veränderter Form. Christoph Links hält in seinem Buch Das Schicksal der DDR-Verlage. Die Privatisierung und ihre Konsequenzen (Berlin 2010) fest, dass im Jahre 2007 von den ehemals 78 staatlich lizensierten DDR Verlagen (was er im Vergleich zu Westdeutschland als eine ohnehin sehr tiefe Anzahl einstuft) nur noch ein Dutzend in eigenständiger Form überlebt hat. Die Zahl dürfte sich seither eher noch verkleinert haben.

Für ausführliche Informationen allgemein dazu und im Speziellen zu den hier erwähnten Verlagen sei auf den kompetenten Band von Christoph Links verwiesen. Bei Wikipedia kann in der Liste der DDR Verlage die jeweilige Verlagsgeschichte nachgelesen werden.  


Ein ähnliches Bild ergibt sich bei den Druckereien der damaligen DDR, die gleichsam ausnahmslos im Impressum eines jeden in der „Ostzone“ (wie die DDR in der BRD auch genannt wurde) gedruckten Buches aufgeführt sind. Sie waren zum grössten Teil volkseigene Betriebe (VEB) und wurden nach der Wende privatisiert. Zu den grössten Druckereien gehörten das Druckkombinat Berlin, die Interdruck in Leipzig oder die Offizin Andersen Nexö in Leipzig. Letztere wurde im Jahr 1746 gegründet. Mit ihren altbewährten Drucktechniken schuf Andersen Nexö hoch kunstvolle Bücher. Aber auch diese traditionsreiche Druckerei überlebte die Wende trotz verschiedensten harten Anstrengungen schliesslich nicht. Im Jahre 2015 schlossen ihre Tore für immer. 



12. Was bleibt


Die einstigen Verlage und Druckereien der DDR existieren somit mehrheitlich nicht mehr. Geblieben sind aber ihre zahlreichen wunderschönen Drucke, wie sie uns im Bücherschrank entgegenlachen, und wie wir sie bewundern können.  



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