“Warm walking, Sir!“
- hugo2825
- 4. Mai
- 7 Min. Lesezeit

1. Mit der Kutsche durch Italien
Wie etliche andere Literaten war auch Karl Philipp Moritz von der Italiensehnsucht ergriffen, Goethe, Winkelmann, Seume, die Engländer Shelly und Keats, und viele weitere mehr. Moritz’ Aufenthalt in Italien dauerte zwei Jahre:
Reisen eines Deutschen in Italien in den Jahren 1786 bis 1788. 3 Bde. (Erstdruck Berlin 1792-1793).
Er bereiste den Stiefel, meist in der Kutsche, von Norden nach Süden, von Verona bis Neapel; der Schwerpunkt war Rom. Vorausgegangen war seine Reise in England
Reisen eines Deutschen in England im Jahre 1782 (Erstdruck Berlin 1783).
von Ende Mai bis Mitte Juli 1782, hinmit von rund sechs Wochen Dauer. Diese Reise hat weniger Aufmerksamkeit erregt als seine italienische, ist aber ebenso lesenswert.
2. Zu Fuss in England
Wenn Moritz’ Impressionen in Italien in allen Bereichen lobend und oft schwärmerisch ausfallen, so verhält es sich mit seinen Beobachtungen in England anders. Wir kennen Moritz aus dem Anton Reiser als einen Menschen, der seine erlittenen Benachteiligungen ausführlich darlegt. Es sind die „Einschränkungen“ - wie er es nennt - der verschiedenen Art, die ihn demütigen und denen er sich ausgeliefert fühlt. Dieser Begriff fällt denn auch bereits in den ersten Zeilen seines englischen Reiseberichtes. Und mit seiner „Einbildungskraft“, die er immer wieder zu Hilfe nimmt, prästabilisiert er sein psychisches Gleichgewicht, wenn es instabil zu werden, ins Wanken zu geraten droht.
Während er später in Italien zum grossen Teil mit der Kutsche unterwegs war, wollte Moritz England bewusst zu Fuss bereisen, wie er erklärt: Dass er „(…) nicht (…) aus Armut, sondern um Sitte und Menschen kennen zu lernen, zu Fuss reiste.“
Zitiert nach Karl Philipp Moritz, Werke, Zweiter Band, Hg. von Horst Günther (Frankfurt a. M. 1981. Hier zweite Auflage), S. 77.
Damit stiess er in der englischen Bevölkerung aber breit auf Unverständnis; er fühlte sich als Wanderer abgewiesen, und mehr als das, sogar verspottet.
Moritz durchstreicht zuerst London in allen Richtungen zu Fuss. Des dortigen „immerwährenden Kohlendampfes müde“, zieht es ihn dann in ländliche Gegenden,
„(…) sehr begierig, einmal eine reinere Luft wieder einzuatmen (…) werde ich mich gewiss nicht länger in eine Postkutsche einpacken lassen, sondern meinen Stab greifen, und meinen Weg zu Fusse fortsetzen“ (S. 36, 49).
Seine Route führte ihn nach dem ersten und längeren Aufenthalt in London nach Richmond, Windsor, Oxford, Slough, Maidenhead, Henley, Dorchester, Stratford upon Avon, Northampton und in weitere, kleinere Orte.
Doch immer wieder hat er mit Unannehmlichkeiten zu kämpfen, und er gerät ausser sich. Weil er England zu Fuss explorierte, statt wie dort üblich mit der Postchaise oder der von Pferden gezogenen „stage coach“ unterwegs zu sein, wird er, wie er beklagt, ratlos angeschaut, verspottet, benachteiligt, gar belästigt.
Dies nimmt schon bald nach seiner Abreise aus London seinen Lauf; sein Leiden setzt bereits im nahen Windsor ein. Moritz richtet seinen Reisebericht, so im Untertitel, „In Briefen an Herrn Oberkonsistorialrath Gedike“. Er war mit dem Berliner Pädagogen Friedrich Gedike (1754–1803) befreundet und wurde von ihm gefördert. Bei der Ankunft in Windsor schreibt er ihm:
„Jetzt (…) habe ich schon so manches Ungemach als Fussgänger erfahren, dass ich beinahe unschlüssig bin, ob ich meine Reise so fortsetzen soll oder nicht. Ein Fussgänger scheint hier ein Wundertier zu sein, das von jedermann, der ihm begegnet, angestaunt, bedauert, in Verdacht gehalten und geflohen wird, wenigstens ist es mir auf dem Wege von Richmond bis Windsor so gegangen.“ (S. 59).
Was war passiert? Ein Engländer, den er, als Fussgänger, nach dem Weg gefragt habe, habe ihn verwundert angeschaut, bloss den Kopf geschüttelt und sei wortlos ins Haus gegangen.
Weiteres Unverständnis dieser Art seitens englischer Passanten sollte gleich folgen. Moritz setzte sich alsdann missmutig in den Schatten und las in Miltons Paradise Lost, das er mit sich führte.
„Allein es ward mir bald beschwerlich, dass mich die Vorbeireitenden und Fahrenden immer mit einer solchen Verwunderung angafften, und solche bedeutende Mienen machten, als ob sie mich für einen Verrückten hielten, (…).“
Vorbeigehende Bauern hätten ihn mit der Aussage „warm walking, Sir! (Es ist doch zu warm zu gehen, mein Herr!)“ bemitleidet, und „jedes alte Weib“ in den Dörfern habe seinen Anblick mit einem verwunderten „God almighty!“ kommentiert (S. 60). Dies sogar im kleinen Dorf Duffield unweit Derby, dieses „bemitleidende God Almighty! (…) wodurch man mich als einen armen Fussgänger bedauerte.“ Und man merke: Sogar den naturverbundenen Landleuten wurde er zum Gespött, als sie ihn wandern sahen (S. 93-94).
Dann in Eaton College: „staunten sie mich an, da ich ganz bestäubt von meinem Stab gewandert kam“ (S. 61). Im dortigen Gasthof habe er beim Bestellen des Essens eine „unfreundliche Aufnahme“ erfahren. „Man gab mir alles mit Murren und Verachtung, wie einem Bettler (…) als einem so erbärmlichen Menschen, der zu Fusse ginge“, und man sei nicht gesonnen gewesen, ihm ein Zimmer zur Übernachtung zu geben (S. 62).
Selten habe er als Fussgänger etwas Warmes erhalten. Die Küchenmagd in Northampton habe ihn „a poor travelling creature“ (S. 111-112) genannt. Und eine Wirtin nahe Derby habe ihm auf seine Frage nach einem Zimmer zum Übernachten mit einem barschen nein! sogar das Fenster vor der Nase zugeschlagen (S. 113).
Moritz ist entrüstet:
„Dass ich mich mit meinem Gelde in der Tasche so musste behandeln lassen, bloss weil ich zu Fusse ginge, brachte mich dann doch etwas auf.“ Und er spricht von Beleidigungen, die ihm widerfahren, und vom Unrecht der Menschen, das er auf seiner Fusswanderung durch England ertragen muss.
Wie zu erwarten, erging es ihm im vornehmen Windsor nicht besser, wo ihm eine Magd, erneut mit „Murren“, ein Zimmer zugewiesen habe. Und zwei Deutsche, denen er dort begegnet sei, hätten nicht mit ihm reden wollen, weil er zu Fuss gegangen sei. Und wie er feststellen muss: „Mir war bis jetzt fast kein einziger Fussgänger begegnet“ (S. 67).
Weiteres Ungemach folgte im kleinen Dorf Nuneham unweit Oxford. Seine Bitte nach einem Nachtlager sei ihm dort, weil er als - angeblich - armer Fussgänger erkannt worden sei, mit einem entschlossenen „By no means!“ abgeschlagen worden; das Haus sei voll - aber auch dies nur angeblich. Und da er kein Zimmer erhalten habe, sei ihm auch das Essen verwehrt worden. Sein Urteil:
„Eine solche erstaunliche Inhospitalität hätte ich denn doch in einem englischen Gasthofe nicht erwartet.“ (S. 76)
Und geradezu niederschmetternd erlebte er seinen Aufenthalt im kleinen Dorf Burton:
„Und doch war es hier so kleinstädtisch, dass man auf mich, als einen Fremden, der zu Fusse ging, fast mit Fingern wies. (…) Ich habe auch eine solche verhasste Aufmerksamkeit auf einen Durchreisenden noch nirgends als hier in Burton gefunden.“ (S. 91)
Wie ihm ein Passant, dem er begegnet sei, gesagt habe:
„Denn ein jeder, der eine so weite Reise zu Fuss täte, würde für einen Bettler oder Spitzbuben gehalten (…)“. Und die Engländer gingen nicht zu Fuss, weil „they are too rich and too lazy“. Damit sei seine unfreundliche Aufnahme überall in England erklärt (S. 82, 86).
Moritz muss sich als Fußgänger durchkämpfen. Er versteht aber auch reichen Erkenntnisgewinn aus seiner Englandreise zu schlagen. In London erwandert er die Stadt in allen Teilen. Auf der Westminster Bridge und im St. James’s Park, der königlichen Residenz, in Paddington, dem nördlichen Islington und im erhöhten Hampstead Heath geniesst er die Aussicht auf die grosse Stadt. In Vauxhall bestaunt er die Bildsäulen englischer Dichter, Shakespeare, Locke, Milton, Dryden, und kommentiert dazu, dass
„(…) die englischen klassischen Schriftsteller, ohne alle Vergleichung, häufiger gelesen werden, als die Deutschen, die höchstens, ausser den Gelehrten, der Mittelstand, und kaum dieser, liest. Die englischen Nationalschriftsteller liest das Volk, wie unter andern die unzähligen Auflagen beweisen. (…) allein ich habe schon mehrere Leute von geringerm Stand gesprochen, die alle ihre Nationalschriftsteller kannten und teils gelesen hatten. Dies veredelt die niedern Stände und bringt sie den Höhern näher.“ (S. 24-25).
Seinem Gönner Gedike berichtet er ausführlich vom Besuch im englischen Parlament. Jeder Sprecher beginne seine Rede mit Sir!, nehme seinen Hut ein klein wenig ab und setzte ihn gleich wieder auf. Auffallend seien die gegenseitigen Beleidigungen und Grobheiten der Redner, zum Beispiel das oft gehörte „it is quite absurd“, dem entgegengesetzt dann der „right honourable Gentlemen“. Für Moritz ist dies ein rätselhafter englischer Widerspruch.
Auch fehlt es an englischen
3. Exzentrizitäten und Absurditäten
nicht, die Moritz beobachtet. Bei einem Besuch im Theater am Haymarket wird er Opfer einer verbreiteten Unsitte:
„Und alle Augenblicke kam eine faule Apfelsine bei mir oder einem Nachbar vorbei, mir auch wohl auf den Hut geflogen (…).“ (S. 38).
Bezüglich der Postkutschen gelte,
„(…) dass es noch eine sonderbare Art nicht in, sondern auf derselben zu fahren gibt. Es sitzen nämlich Personen von niedrigem Stande, oder die nicht viel bezahlen können, statt inwendig, oben auf der Kutsche, ohne dass ein Geländer oder Sitze oben angebracht wären, sondern sie sitzen ganz frei, und lassen die Beine herunterhängen.“(S. 55).
Im weiteren fühlt er „sehr lebhaft den üblen Missbrauch des späten Aufstehens in England“ (S. 58). Und in Shakespeares Haus in Stratford wohnten jetzt ein paar alte Leute, die es gegen ein kleines Entgelt Fremden zeigten und davon lebten. Sodann beschreibt er eine Ungebührlichkeit, die auch heute zu beobachten ist:
„Shakespeares Stuhl, worauf er vor der Türe gesessen, war schon so zerschnitten, dass er fast keinem Stuhle mehr ähnlich sah; denn jeder Durchreisende schneidet sich zum Andenken einen Span ab, welchen er als ein Heiligtum aufbewahrt.“ (S. 87).
Und auf originelle Art weist Moritz auf die bekannte Hundeliebe der Engländer hin:
„Das Wort Sir (Herr) hat im Englischen einen gar mannigfaltigen Gebrauch. Mit Sir redete der Engländer seinen König, seinen Freund, seinen Feind, seinen Bedienten, und seinen Hund an; (…)“. (S. 121).
Auf seinen Reisen eines Deutschen in England im Jahre 1782 erlebt Karl Philipp Moritz Unangenehmes, aber auch viel Bereicherndes und Belustigendes. Seine Wanderung durch England ist, wie man dort gerne sagt, a mixed bag.

4. Parallelen zu heute
Moritz’ Bericht liest sich auffallend modern. Etliche Radfahrer, -innen auf der Suche nach einer Unterkunft werden sich in ihren Erfahrungen wiedererkennen. Wer beispielsweise bis in den Neunzigerjahren mit dem Rad im Piemont oder anderen reichen Gegenden unterwegs war, klopfte dort meist vergeblich an. Radfahrer, -innen galten als arm, weswegen sie eben mit dem Rad und nicht mit dem Auto unterwegs waren, so wie Moritz für arm gehalten wurde, weil er zu Fuss ging. Dies hat sich seither geändert. Wer wandert oder mit dem Rad reist, steht heute keineswegs mehr im Verdacht arm zu sein, im Gegenteil, gilt als idealistisch und gesundheitlich orientiert und damit auch als zahlkräftig und wird deswegen willkommen geheissen. Abfuhren, wie sie Moritz erleben musste, bleiben ihnen heute erspart.
Fotos: hms

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